Berlin : Blutsbande

Viele Spender sind verreist, und in Berlin werden die Reserven knapp. Was beim Roten Kreuz lagert, reicht immer nur für einen Tag. Wir sind einer Spende bis zum Empfänger gefolgt

Ingo Bach

22 haben sich schon anzapfen lassen. 22 Spender sind an diesem Nachmittag in den Bus gestiegen und mit einem halben Liter Blut weniger in den Adern wieder ausgestiegen. Seit zwei Stunden steht das Blutspendemobil des Roten Kreuzes an der Leonorenstraße in Lankwitz. Dann steigt sie ein, die Nummer 23: Helga Wowra, 66 Jahre alt, geblümtes Kleid, graues Haar und ein ruhiges Leben als Museumsmitarbeiterin. Mit ihrem Blut werden wir durch die Stadt fahren, durch die Nacht bis nach Cottbus und wieder zurück nach Berlin. Bis es dort ankommt, wo es vielleicht ein Leben rettet.

6. Juni, 16.26 Uhr : Ein kleiner Pieks, ein bisschen Blut, das ist der Anfang. Die Krankenschwester sticht die Nadel in Helga Wowras Arm. Zuerst füllt sie drei kleine Röhrchen ab für die Laboruntersuchungen. Dann stöpselt sie um auf den großen Beutel, der auf einer Waage sanft auf und ab wippt, was verhindert, dass sich Klümpchen bilden. Helga Wowra schaut nicht hin. Nach sechs Minuten piept’s. Voll. Auf dem Beutel klebt ein Strichcode und eine Nummer: 4788 730. Kein Name. Nur der Computer weiß ab jetzt, in wessen Adern dieses Blut mal geflossen ist.

Derselbe Tag, 18.00 Uhr : Der Fahrer verstaut insgesamt 52 Probenröhrchen im Transporter. Um 19.30 Uhr wird er sie in Cottbus abliefern, in den Laboren des Blutspendedienstes, um feststellen zu lassen, ob das Blut gesund ist und der große Beutel guten Gewissens verkauft werden kann. Der fährt derweil mit dem Spenderbus zurück ins Hauptquartier am Wannsee. Bei vier Grad lagert er dort erstmal im Kühlraum.

Immer noch der 6. Juni. Es ist 23 Uhr , die Blutpröbchen sind in Cottbus angekommen, und sofort beginnen die Laboranten mit der Bestimmung der Blutgruppe. Das Blut mit der Nummer 4788 730, Helga Wowras Blut, hat Null, Rhesusfaktor positiv. Helga Wowra weiß es vielleicht nicht, aber sie ist begehrt, ihr Blut könnte jedem Kranken helfen. A, B und AB dagegen müssen exakt mit der Empfängerblutgruppe übereinstimmen. Werden die falschen gemischt, lösen sie Gegenreaktionen des Immunsystems aus. Antikörper zerstören die roten Blutkörperchen des Spenderblutes. Der Farbstoff fließt aus und kann einen lebensgefährlichen Schock auslösen.

Eine halbe Stunde später in Cottbus . Jetzt wird’s heikel. Die Laboranten müssen eventuell vorhandene Erreger von Aids, Syphilis oder Hepatitisarten aufspüren. Sie suchen nach den Antikörpern, die der Körper als Reaktion bildet. Hochsensible Geräte messen, was passiert, wenn dem Blut Enzyme zugesetzt werden. Wenn diese Aids- oder andere Antikörper finden, lagern sie sich an, und das Blut verändert leicht seine Farbe – so leicht, dass das Auge es gar nicht erkennen könnte. Trotzdem: Hundertprozentige Sicherheit, dass keine Viren im Blut sind, gibt es nicht. HIV-Infektionen zum Beispiel sind frühestens zehn Tage nach der Ansteckung nachweisbar – theoretisch könnte sich also ein Spender kurz vor der Spende mit HIV infiziert haben, und es würde bei der Laboruntersuchung nicht erkannt. Aber: „Seit 1985, seit das Spenderblut in Berlin auch auf HIV getestet wird, ist kein Fall bekannt geworden, bei dem sich jemand durch eine Transfusion infiziert hätte“, sagt Elke Gossrau, Ärztliche Leiterin des Blutspendedienstes.

Am nächsten Morgen, 7. Juni, sehr früh in Berlin-Wannsee . Noch während die Untersuchung der Proben in Cottbus andauert, beginnt hier beim DRK, im Labor im Erdgeschoss, die Weiterverarbeitung der Spenden. Je schneller sie in die Kliniken kommen, desto besser. Es ist Urlaubszeit, die Spender sind verreist, und im zentralen Lager des Blutspendedienstes lagern statt 3500 Blutbeutel nur noch 1500, das reicht höchstens für die Bestellungen eines einzigen Tages, und das, obwohl das DRK der größte Spendensammler in Deutschland ist. Der Beutel mit Helga Wowras Blut liegt jetzt in den Händen einer Laborantin. Sie spannt ihn in eine Zentrifuge, die die schweren roten Blutkörperchen von den restlichen Blutbestandteilen trennt. Im Beutel sieht man dann zwei Schichten: oben hellorange das Plasma, darin die weißen Blutkörperchen, die Bakterien und Viren angreifen, sowie die Blutplättchen, die bei Verletzungen das Blut gerinnen lassen. Unten die roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff transportieren. Eine Pumpe saugt dann das Plasma ab und füllt es in einen anderen Beutel. Jetzt gibt es zwei mit der Nummer 4788 730: einen mit 283 Gramm Plasma, einen anderen mit 278 Gramm Konzentrat von roten Blutkörperchen. Vor allem das ist begehrt. Unfallopfer mit hohem Blutverlust oder Patienten während einer schweren Operation brauchen zusätzlich rote Blutkörperchen, damit die Sauerstoffversorgung des Körpers nicht zusammenbricht. Noch darf das Konzentrat aber nicht weitergegeben werden. Die Befunde aus Cottbus sind noch nicht da. Sie kommen um fünf. Helga Wowras Blut ist ok. Wäre es das nicht, hätte man sie sofort benachrichtigt.

Am nächsten Morgen – 8. Juni, 9.02 Uhr , es ist zwei Tage her, dass Helga Wowra Blut gespendet hat – gehen die Tages-Bestellungen aus den Kliniken und von den niedergelassenen Ärzten ein. Neukölln verlangt dringend nach Null; für eine Ration wird das Krankenhaus 82 Euro bezahlen.

Drei Stunden später, um 12.03 Uhr , nimmt Thomas Rogge, Chef der Blutdepots, die Ware dann im Zentrallabor des Vivantes-Klinikums Neukölln entgegen. Fünf hohe Kühlschränke stehen hinter ihm, darin knapp hundert Rationen – die mit der geringsten Haltbarkeit vorn, wie im Supermarkt. Etwa 25 verbraucht das Klinikum pro Tag. Trotzdem vergammeln Konserven manchmal, länger als fünf Wochen sind sie nämlich nicht haltbar. Zwei Prozent wandern in den Müll, sagt Rogge, besonders seltenere Blutgruppen.

Einen halben Tag lang und eine Nacht hat die Konserve mit der Nummer 4788 730 im Blutkühlschrank des Vivantes Klinikums gelegen, als eine Schwester kommt und sie herausnimmt. Es ist der 9. Juni, 14.30 Uhr. In einem Zimmer auf der Onkologischen Station wartet Kurt Lehmann (Name geändert). Lehmann hat Magenkrebs. Er bekommt eine aggressive Strahlen- und Chemotherapie. Die aber hemmt die Neubildung von roten Blutkörperchen im Knochenmark. Ohne Blutspenden könnte man die Therapie mit Lehmann nicht machen, sagen die Ärzte, sie verbesserten seine Überlebenschancen enorm. Der 58-Jährige schiebt sein T-Shirt hoch: Über der rechten Brust führt ein Schlauch in den Körper, direkt in ein großes Blutgefäß. Da tropft Helga Wowras Blut jetzt hinein, zwanzig Tropfen pro Minute. Nach einer halben Stunde ist der Beutel leer.

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