Berlin : Bluttat nach Zwangsehe

Semra musste ihren Cousin heiraten. Er schlug die Frau, sie ließ sich scheiden. Da brachte er sie um

Suzan Gülfirat,Werner Schmidt

Die dreijährige Eda sollte ihren Vater sehen. Ihre Mutter hatte eine Freundin mitgenommen, die sie bei dem Zusammentreffen mit ihrem geschiedenen Mann unterstützen sollte. Nur unter Aufsicht waren die Zusammenkünfte zwischen Tochter und Vater erlaubt. Cengiz U. traf Eda am Donnerstag bei der Familienfürsorge, während die Mutter in einem Nebenraum wartete. Nur wenige Minuten nach Ende des Treffens tötete Cengiz U. seine 21 Jahre alte frühere Frau Semra mit zahllosen Messerstichen vor den Augen seiner Tochter an der Kreuzung Eichborndamm/Auguste-Viktoria-Allee in Reinickendorf. Gestern ist gegen den 26-jährigen Türken Haftbefehl erlassen worden.

Es war eine Zwangsehe zwischen Cousin und Cousine, die vor einigen Jahren vermutlich auf Betreiben der Eltern der Frau in der Türkei geschlossen worden war. Wieder in Deutschland begann der Ehemann schon bald, seine Frau zu schlagen. Immer wieder musste die Polizei wegen häuslicher Gewalt anrücken.

Vor eineinhalb Jahren zog Semra U. einen Schlussstrich und verließ ihren gewalttätigen und ungeliebten Mann. Mit ihrer Tochter zog sie nach Wittenau, Cengiz U. wohnte weiter in Staaken. Im vergangenen September ließ sie sich scheiden. Sie hatte in der Zwischenzeit einen neuen Lebensgefährten und mit diesem einen jetzt sechs Monate alten Sohn. Mit dem Entschluss, ihren Ehemann zu verlassen, wurde die Frau offenbar auch von der eigenen Familie verstoßen. „Wir haben den Kontakt zu ihr abgebrochen“, sagte am Donnerstagabend ein Mitglied der Familie. Im vergangenen Sommer soll es in der Wohnung der Frau zu Auseinandersetzungen mit ihren Eltern gekommen sein, berichteten Nachbarn. Von ihrem eigenen Vater sei die junge Frau mit einem Messer bedroht worden. Semra U. hatte dies später einer Nachbarin anvertraut. Mehrfach soll die Polizei im Haus gewesen sein: „Wir prüfen das“, sagte ein Beamter der Mordkommission dazu am Freitag.

In der Nachbarschaft war die traditionell-religiöse Frau als still und zurückhaltend bekannt. Wenn sie das Haus verließ, trug sie immer ein Kopftuch. Nach dem Treffen mit seiner Tochter gingen Semra U. und ihr Ex-Mann Cengiz wieder getrennte Wege. Von der Telefonzelle an der Kreuzung Auguste-Viktoria-Allee/Eichborndamm rief die Frau gegen 11.10 Uhr ihre Anwältin an und wollte sie wegen der bestehenden Sorgerechts- und Besuchsregelung von Vater und Tochter um Rat fragen. Angeblich wollte Semra U. nicht mehr, dass der Vater das Mädchen trifft, berichtete ein Polizeibeamter.

Als die Frau den Telefonhörer in der Hand hielt, tauchte ihr ehemaliger Mann auf und stach mehr als 30 Mal auf sie ein. Selbst als sie schon auf dem Boden lag, soll er weiter zugestochen haben. Passanten und die Besatzung eines zufällig vorbeikommenden Rettungswagens, die der Frau zu Hilfe eilte, bedrohte der 26-Jährige ebenfalls mit dem Messer. Verletzt wurde von ihnen niemand. Durch eine wenig später eintreffende Funkstreife ließ er sich dann widerstandslos festnehmen.

Bei der Tatwaffe soll es sich angeblich um ein Jagdmesser handeln. Gegenüber den Beamten der Mordkommission hat Cengiz U. inzwischen zugegeben, seine Frau erstochen zu haben. Motiv sei der eskalierende Streit um das Sorgerecht der Tochter gewesen, sagte ein Polizeisprecher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben