BND-Neubau in Berlin : Die Spione von nebenan

Der BND hat seine Zentrale in der Chausseestraße noch nicht richtig bezogen. Doch die Nachbarn im Kiez fragen sich schon jetzt: Überwachen die auch uns? Ein Observationsprotokoll von einem, der ein paar Agentenromane zu viel gelesen hat.

Pepe Egger
Gegenspionage: Eine BND-Anwohnerin hat diese Puppe auf ihrem Balkon platziert.
Gegenspionage: Eine BND-Anwohnerin hat diese Puppe auf ihrem Balkon platziert.Foto: Pepe Egger

Beginn Observation, 12. Juni, 12.30 Uhr, Standort Chausseestraße, Ecke Wöhlertstraße, BND-Nordbebauung

Die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes glänzt metallen in der Sonne, die Gebäudeflügel aufgereiht wie Steckkarten. Immer neue Module immer gleicher Fenster, Stockwerk um Stockwerk, Rechteck um Rechteck. Über fast 300 Meter zieht sich das Hauptgebäude die Chausseestraße entlang.

Sommerhitze, Mitte-Betriebsamkeit, Baulärm: Schlapphüte sind keine auszumachen, kein Trenchcoat zu sehen. Woran soll man die Geheimdienstler denn dann erkennen? 170 BNDler sind seit 2014 schon hier am Werk. Wie wird das erst sein, wenn die restlichen der 4000 Mitarbeiter aus Pullach bei München in ihre neue Berliner Zentrale gezogen sind?

„Die sind doch schon hier“, sagt X (Name geschwärzt), Wirt eines Restaurants, das ein paar hundert Meter vom BND-Bau entfernt liegt. „Und man sieht sie auch. Kommen drei Herren im Anzug, süddeutscher Akzent, und alle drei bestellen zum Mittagessen ein großes Hefeweizen. Wer soll das denn sonst sein?“

Die Pullacher kommen! Nach Mitte. Nach Ost-Berlin. In ein Berlin, das es noch nicht gibt, ein Berlin, das verschwindet, in ein neues, das gerade erst entsteht.

Wie fühlt sich das an, wenn Deutschlands einziger Auslandsnachrichtendienst mitten ins Wohnviertel zieht? Ein Geheimdienst zumal, der bis vor Kurzem noch ganz im Verborgenen agierte, der erst vor einem Jahr bei sechs seiner Außenstellen die bis dahin geführten Tarnnamen wie „Ionosphäreninstitut“ oder „Amt für Schadensabwicklung“ durch „BND“ ersetzte? Und der aus den Schlagzeilen nicht herauskommt?

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Der BND selbst verbindet mit dem Umzug aus der vormaligen „Reichssiedlung Rudolf Heß“ in Pullach im Isartal, wo er seit 1947 sitzt, nicht nur das Ziel, näher an Bundesregierung und Parlament zu rücken, sondern auch eine Demonstration von Transparenz, von Öffentlichkeit: Einen „BND zum Anfassen“ versprach Präsident Gerhard Schindler beim Teilbezug der Nordbebauung durch 170 BND-Mitarbeiter im März 2014.

Fortsetzung Observation, 14. Juni, 11.40 Uhr, Standort Chausseestraße, Ecke Schwartzkopffstraße

Frau Czerny hatte früher Sonne, jetzt hat sie den BND vorm Balkon. „Die Leute sagen zu mir: Na, jetzt wohnst du aber sicher“, erzählt sie. „Ich denke mir: Vielleicht aber eben gerade auch nicht.“

Frau Czerny, genau doppelt so alt wie das wiedervereinigte Deutschland, findet es „schon ein bisschen herb, dass so eine Geheimdienstzentrale mitten in die Stadt hineingebaut wird, so ein Riesending dazu“.

Wann immer man sich angesichts der Nachrichtenlage fragt, wer eigentlich die Überwacher überwacht und den Spionen hinterherspioniert, so gibt es eine Gewissheit: Auf Frau Czerny ist Verlass. Sie tut, woran sich das Parlamentarische Kontrollgremium die Zähne ausbeißt: Sie sieht dem BND auf die Finger, behält sein Treiben im Auge, überwacht den Geheimdienst.

Das heißt, eigentlich nicht sie selbst, sondern der Plastikspion in Lebensgröße, den sie zwischen den Pelargonien auf ihrem Balkon platziert hat: eine Puppe vom Flohmarkt, original mit Schlapphut und Trenchcoat, das Fernglas auf die BND-Zentrale gegenüber gerichtet.

Der Plastikspitzel ist so etwas wie Frau Czernys Antwort auf die Baustelle gegenüber. Darauf, dass man ihr „so einen Kasten“ vor die Haustür setzt.

Dabei ist Frau Czerny, wie übrigens die meisten der zukünftigen Nachbarn des BND, überzeugt, dass der Geheimdienst sie bereits unter die Lupe genommen hat. „Wir wurden doch sicher alle schon mal durchgecheckt“, sagt sie. „Um zu gucken, ob wir weiter hier wohnen dürfen.“

Einmal sei auch jemand gekommen, der sich die Namen auf den Briefkästen notiert habe. Gewissheit hat Frau Czerny keine, Beweise oder so, dafür dass sie durchleuchtet worden wäre. Sie hat nur die diffuse Überzeugung, dass die das doch bestimmt machen würden.

Wie die Überwachung im Großen hinterlässt auch die mutmaßliche Überwachung im Kleinen eine abstrakte Versehrtheit, ein Gefühl von Machtlosigkeit.

Vielleicht ist Frau Czernys Spion auf dem Balkon denn auch so etwas wie ein Experiment. Um zu gucken: Reagiert da jemand? Melden die sich?

„Ich habe mir gedacht, vielleicht verbieten die mir das“, sagt Frau Czerny. „Aber bis jetzt habe ich noch nichts gehört.“

Quellenbefragung, 17. Juni, 10.52 Uhr, Telefonat mit der Pressestelle des Bundesnachrichtendienstes, Frau Y (Name geschwärzt)

Frau Y, wie wird sich der BND als neuer Nachbar im Kiez verhalten? Werden Sie sich vorstellen? Laden Sie die Leute ein? Was planen Sie, wenn Sie jetzt neu ins Viertel ziehen?

„Ich kann Ihnen da jetzt nichts Zitierfähiges zu sagen (...) Sie dürfen mich jetzt nicht zitieren (...) aber wie gesagt, das können Sie alles nicht zitieren (...) im Augenblick können wir uns dazu nicht offiziell äußern.“

In Pullach durften doch die BND-Mitarbeiter nicht im Dorf wohnen, wie wird das denn in Berlin-Mitte sein?

„(...) aber auch das bitte jetzt nicht zitieren.“

Berliner Agent. Von 1956 bis 1992 ermittelte der Groschenroman-Spion Bob Urban alias "Mister Dynamit" in der geteilten Stadt.
Berliner Agent. Von 1956 bis 1992 ermittelte der Groschenroman-Spion Bob Urban alias "Mister Dynamit" in der geteilten Stadt.Repro: Tsp

Wenn Sie als Geheimdienst irgendwo einziehen, würde ich mir als Laie vorstellen, dass Sie als Erstes mal genau prüfen, wer da drum herum so wohnt.

„(...) noch mal die Bitte, mich nicht zu zitieren in irgendeiner Weise (...)“

Danke für das Gespräch.

Die Geheimen bleiben also geheim, trotz der beim Teileinzug in die neue Zentrale ausgerufenen „Transparenzinitiative“. Welche bei einem Nachrichtendienst auf enge Grenzen stoßen muss, besteht doch sein eigentliches Geschäft im Geheimen, im Nicht-Transparenten.

So bleibt ein Rätsel, eine Leere. Die Leere aber füllt sich sogleich mit Mutmaßungen und Gerüchten, mit Beobachtetem, Behauptetem, Zusammengereimtem.

Und mit Literatur.

Archiveinsicht, 18. Juni, 18.45 Uhr: der BND als Motiv im B-Movie und im Agentenroman

Sein Name war Urban, Bob Urban. Von 1965 bis 1992 war Urban alias „Mister Dynamit“ als BND-Agent im Dienst: durchtrainiert, ein Ass im Steuern schneller Autos, im Konsumieren großer Mengen harten Alkohols, im Verführen von Frauen, deren Beine nicht enden wollen. Ein Westentaschen-James-Bond mit Maschinenbaustudium und Penthouse in München-Schwabing.

In mehr als 300 Folgen jagte ihn sein Schöpfer C. H. Guenter alias Karl-Heinz Günther über das dünne Papier der Groschenhefte, in schnell rausgehauenen Reißern, gespickt mit Dialogen voller abgedroschener Schlagfertigkeit, Altherrenwitzen, Kaltem Krieg.

Genau wie bei James Bond stehen auch bei Mister Dynamit die „Girls“ bloß auf dem Buchdeckel im Vordergrund („blondes Gift“), oft bewaffnet, selten bekleidet, während sie im Plot Beiwerk sind, nebensächlich, immer dann beiseitegeschoben, wenn es brenzlig wird.

Wie Bond schaffte auch Bob Urban den Sprung auf die große Leinwand, in „Morgen küsst euch der Tod“ aus dem Jahr 1967. Beim BND mag man damals gehofft haben, dass nun auch der Dienst glamourös und sexy sein würde, zumal Agent Urban von Lex „Old Shatterhand“ Barker gespielt wurde.

Doch der Film wird ein Flop, ein Reinfall ohne Fortsetzung. Der BND bleibt prosaisch, grau, versteckt, das Mauerblümchen unter den internationalen Geheimdiensten.

Vielleicht auch deshalb denken viele Nachbarn im Kiez nicht als Erstes an James Bond, wenn sie an den BND-Neubau denken. Sondern eher an einen großen Computer. Eine steinerne Hauptplatine, eine Modulsammlung von immenser Bit-Kraft, ein Großspeicher.

Bob Urban, scheint es, hat sich zum Netzwerkadministrator umschulen lassen.

Dabei zieht ausgerechnet jene Abteilung des BND, deren täglich Brot die Überwachung von Datenströmen ist, gar nicht nach Berlin. Die „Technische Abteilung“ bleibt in Pullach und in anderen Außenstellen.

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