Berlin : Böger: Für Lehrer ist Gehaltsverzicht zumutbar

Bildungssenator fordert von Gewerkschaften einen „Solidarpakt der Generationen“ / GEW will im Januar gegen Mehrarbeit streiken

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) fordert von den Gewerkschaften einen „Generationen-Solidarpakt“, um weiterhin junge Lehrer einstellen zu können. Die jetzt beschlossene Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung sei zwar finanzpolitisch „unabwendbar“ aber bildungspolitisch „verfehlt“. Zudem sei es „volkswirtschaftlicher Irrsinn“, Pädagogen auszubilden und sie dann auf die Straße zu setzen, sagte er gegenüber dem Tagesspiegel. Die GEW will im Januar streiken, wenn es bei der Mehrarbeit bleibt.

Wie berichtet, führt die Arbeitszeiterhöhung für Lehrer dazu, dass rund 1500 anstehende Pensionierungen durch die Mehrarbeit der verbleibenden Kollegen ausgeglichen werden müssen. Dies bedeutet, dass Neueinstellungen erst ab 2004 wieder notwendig sind. Referendare, die vorher ihre Ausbildung abschließen, müssten in andere Berufe oder Bundesländer abwandern.

Dass nicht eingestellt werden kann, ist für Böger der „schädlichste Punkt“ beim Scheitern des Solidarpaktes. Und er hält es angesichts der Höhe von Lehrergehältern für „zumutbar“, dass die Pädagogen Einschränkungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld hinnehmen, wenn der Senat im Gegenzug auf die Arbeitszeiterhöhung verzichtet.

Die Schulen müssen sich zurzeit aber nicht nur auf die Mehrarbeit ab Februar 2003 einstellen und auf die damit ausbleibenden Neueinstellungen. Schon jetzt leiden sie massiv unter dem Einstellungs- und Ausgabenstopp. So wurde etwa einer Mathematiklehrerin der Tempelhofer Hermann-Köhl- Oberschule untersagt, ihre Teilzeitstelle um vier Unterrichtsstunden aufzustocken. Und dies, obwohl dort drei Lehrer wegen Krankheit dauerhaft ausfallen. Nur rund 40 der 50 betroffenen Mathematikstunden können vertreten werden. Zu allem Überfluss musste die Schule wegen des Einstellungsstopps gestern auch noch ihre Mathematik- referendarin gehen lassen, die gerade mit 1,0 ihr Zweites Staatsexamen abgelegt hat. Jetzt prüfen die Eltern eine Klage gegen den Bildungssenator wegen „Verletzung der Dienstpflicht“, wie Gesamtelternvertreter Peter Reinwarth ankündigt. Außerdem wollen sie beim Landesschulamt vorstellig werden. Dort hieß es gestern, dass demnächst eine Lehrkraft umgesetzt werde. Die Schule wusste aber noch nichts davon.

Viele Schulen warten aber auch deshalb händeringend auf „Nachwuchs“, damit wieder frischer Wind durch die Lehrerzimmer weht. Etliche haben seit Jahren keine neuen Lehrer gesehen. Damit fehlen nicht nur Ideen, sondern auch unverbrauchte Kräfte, die mit Leichtigkeit Klassenfahrten begleiten oder die Schulband „aufmischen“. Immerhin liegt das Durchschnittsalter an vielen Schulen über 50, so dass es die Grundschüler oft mit der Großvatergeneration zu tun haben. Falls der Solidarpakt nicht zustande kommt, müssen die Lehrer je nach Schulform ab Februar eine halbe bis vier Stunden mehr unterrichten. Zunächst wird dies zu Überhängen führen, weshalb Böger erwägt, die so genannten Arbeitszeitkonten – Überstunden aus den Vorjahren – vorzeitig abzutragen. Die GEW-Landesdeligiertentagung beschloss gestern, dass im Januar gestreikt werden soll, falls es bei der Mehrarbeit bleibt. Zum Gehaltsverzicht ist man nicht bereit, allerdings will man den Mitgliedern empfehlen, auf Teilzeit zu gehen, damit junge Lehrer eingestellt werden können.

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