Berlin : Böse Mädchen kommen überall hin

Susanne Messmer

"Ein spannender Grobschnitt durch die weiblichen Facetten der Berliner Musikszene"Susanne Messmer

Es ist kochendheiß in der Stadt und alle wollen nur noch den Biergarten. Wer Musik hören will, gibt sich lieber mit der Bürgersteigbeschallung der Cafés zufrieden, als sich in verqualmte Konzerthallen zwischen klebrige Körper zu zwängen. Aber da kann morgen Abhilfe geschaffen werden. Eines der wenigen Open Airs der Stadt findet statt, mitten im Grünen auf der Insel der Jugend. Dass Eltern ihre Moppels betreuen lassen können, dass in den Bands hauptsächlich Frauen spielen, dass sich das Festival "einen spannenden Grobschnitt durch die weiblichen Facetten der Berliner Musikszene" auf die Fahnen geschrieben hat, spielt dabei weder für die Veranstalter noch für die Beteiligten die größte Rolle.

Eigentlich will so richtig niemand mehr darüber reden. "Dieses Frauen-Ding hat für uns noch nie eine Rolle gespielt", sagt Diane von den Lemonbabies. Die Lemonbabies ist die erfolgreichste Berliner All-Girl-Group. Sie ist fest davon überzeugt, dass es in zehn Jahren in der Musikindustrie genauso viele Frauen geben wird wie Männer. Für sie ist es das Normalste der Welt, dass Frau jede Menge Durchhaltevermögen braucht, um sich in die Männerdomäne Pop zu behaupten. Aber die platten Marketingstrategien des Mainstreams verlangen nun mal einen schier unerträglich weichgespülten Brigitte-Feminismus. Dessen sind sich, anders als die Lemonbabies eher Frauen bewusst, die abgelegenere Wege gehen.

Evelin Höhne arbeitet selbstbestimmt. Sie zeichnet nicht nur umwerfende Comics, sondern leitet auch ihr eigenes Label "Fucky". Bands sammelt sie wie Briefmarken. Neben Art Of Kissing und Metalloop, die auf dem Festival auftreten werden, singt sie auch noch bei Minitchev, benannt nach einem alten DDR-Backofen. Die Musik, die sie bevorzugt, könnte spröder nicht sein. Meist stellen sich beim Hörer Glücksmomente ein, wenn man aus all den quietschenden und polternden Krach wunderschöne Melodien rauszuhören glaubt. Befragt man Evelin nach ihrem Beweggrund, auf einem Frauenfestival zu spielen, antwortet sie, dass es ihr um anderes gehe: "Es wird mein erstes Open Air", sagt sie, "es muss viel geiler sein, wenn man den Himmel sieht als nur die Decke eines Clubs. Vielleicht werde ich mich wie Boris Becker fühlen."Außerdem: "Ich bin doch keine Erzieherin!".

Cobra Killer stammen aus dem Dunstkreis um Alec Empires Label Digital Hardcore Recording und seiner Krawalltruppe Atari Teenage Riot. In diesem Umfeld wird der Mädchenband nichts vorgeschrieben, niemand verlangt von ihnen, ihre Musik abzugeben. Ihre Musik ist aggressiv und wütend - weil es wieder nichts wird mit der Weltrevolution. Daher kommt für Cobra Killer vor der Frauen- auch die Klassenfrage. "Wir machen keine geschlechtsspezifische Musik und sind gegen das Seperationskonzept dieses Festivals", sagt Frontfrau Gina.

Aber irgendeinen Grund muss es doch geben, warum Frauen ein Frauenfestival organisieren und an ihm teilnehmen wollen. Natürlich ist allen Beteiligten klar: In Deutschland liegt der Frauenanteil in der Popmusik unter zehn Prozent. Bei der Gema sind im Bereich Rock/Pop nur zwei Prozent der angemeldeten Komponisten Frauen. Frauen besuchen weniger Rockkonzerte als Männer. Frauen sammeln seltener Platten und es existiert kein funktionierendes Netzwerk, das zum Beispiel den Zugang zu Proberäumen erleichtern würde. Auch wenn eine Frau wie Heike "immer in einer Jungsclique integriert war", hörte die Freundschaft meist beim Verleih der neuesten CD auf. Unter den Jungs funktionierte der Austausch reibungslos, "wollte man als Mädchen daran teilnehmen, wurde man nicht ernst genommen. Die wollten nicht, dass wir in ihren Bereich eindringen.""Ssshee!" Mit den Lemonbabies, TGV (mit Elena Lange von Stella), Barbara Morgenstern, Cobra Killer, Art Of Kissing, Metalloop, 10 B 85 (einem Soloprojekt aus dem Hause Pop Tarts). Insel, Alt Treptow 6, Sonnabend ab 15.30 Uhr. Ab 22 Uhr legen DJ Chika Paula, Miss Berlin und Heike Highlife auf
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