Berlin : Böser als Bill

Die Killerpilze wollen nicht wie Tokio Hotel sein Am Dienstag spielen sie im Postbahnhof

Ulf Lippitz

„Mir geht es richtig scheiße.“ Das ist ein derber Kraftausdruck, ein Dahinrotzen von Wörtern, ein knalliges Statement – und wenn das vier Teenager-Jungs singen, als kippe ihnen gleich die Kippe aus dem Mund, dann generiert so ein leicht verdauliches Punklied die nötige Aufmerksamkeit. Die Killerpilze aus Bayern setzen auf bewährte Rebellionsreflexe, haben als Teenie-Rockband im Jahr eins nach Tokio Hotel sowohl Erfolg damit als auch das einschlägige Problem: vor allem Mädchen kommen zu ihren Konzerten - und die finden ihre Musik eher „süß“ als rockig.

Ist das nur schlecht? Sänger Johannes Halbig, Jahrgang 1989, wehrt ab. Die eigene Basis darf er nicht beleidigen, er legt auf jeden Fan Wert. Dass mehr Jungs kommen, „das ergibt sich von allein“, glaubt er, wenn sich die Live-Qualität erst herumspricht. Langfristig brauchen sie die Jungs. Nur so bestehen sie im Rockzirkus, wenn die Mädchen eine neue Band süß finden. „Sieh dir doch die Beatles an“, sagt Johannes. „Am Anfang hatten sie auch nur weibliche Fans, heute sind sie die größte Band des 20. Jahrhunderts.“ An Selbstbewusstsein mangelt es nicht: weder Johannes noch seinem drei Jahre jüngeren Bruder Fabian am Schlagzeug, dem zweiten Gitarristen Maximilian Schlichter oder dem Bassisten Andreas Schlagenhaft. Bis auf Lockenkopf Max tragen alle eine Wuschelfrisur. Sie sitzen lässig im Universal-Restaurant an der Oberbaumbrücke, sie reden davon, dass sie „professioneller werden müssen“, und dass andere froh sein würden, in ihrer Haut zu stecken. Ein wenig erschreckend klingt das, wenn 17-Jährige wie Personalmanager klingen, aber die Arbeit an Träumen härtet ab. Seit 2002 gibt es die Band, nach einigen Jugend-Rockpreisen hat es letztes Jahr endlich zu einem Plattenvertrag gereicht.

Sie wirken diszipliniert, entschlossen – und immun gegen das, was sich in drei Metern Luftlinie abspielt. Die gläserne Front schaut auf die Spree hinaus. Man würde den Fluss sehen, wenn nicht Dutzende Mädchen an den Scheiben kleben, winken und Handy-Fotos im Akkord schießen würden. Natürlich ist kein Junge unter den Fans. Die Killerpilze sitzen mit dem Gesicht zum Fenster, sie verziehen keine Miene und antworten konzentriert. „Daran sind wir gewöhnt“, kommentiert Johannes trocken den Auflauf. Einen ständig präsenten Bodyguard wie die Kollegen von Tokio Hotel wollen sie nicht. Ihre Fans sind nicht so hysterisch, penetrant und so zahlreich. Sie machen keine Home-Story für die „Bravo“, das haben sie von Beginn an festgelegt, sie wollen so etwas wie der Stachel im Fleisch der Teen-Rock-Industrie sein. Die richtigen Fans im Musikgeschäft haben sie bereits. Rod Gonzales von den Ärzten hat sie kürzlich auf eigenen Wunsch getroffen und ihnen Lob gezollt. „Wir haben über Projekte geredet, die anstehen.“ Als hätten sich die Stones und die Beatles auf Augenhöhe getroffen. Projekte, das klingt genauso professionell, wie es ist. Die vier haben gerade eine Live-DVD veröffentlicht, am Dienstag geben sie um 16.30 Uhr im Media-Markt Neukölln Autogramme, abends treten sie im Postbahnhof auf. Nach dem Interview lost die Band aus, wer nach draußen gehen soll, um die Mädchen zu befrieden. Max muss. Er schreitet sicheren Schrittes voran, wie ein Fabrikarbeiter zum Fließband geht, gibt Autogramme und posiert für unscharfe Fotos. Dann kommt das Auto der Band – und alle verschwinden blitzschnell.

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