Berlin : Böses in Gutes verwandeln

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Die Gemeindemitarbeiterin kommt kaum dazu, vor dem Gottesdienst eine Übersicht über die Musikstücke zu verteilen. Immer wieder wird sie umarmt. Die einen waren schon im Urlaub, die anderen fahren noch, man tauscht sich aus über das, was in der vergangenen Woche passiert ist. Die kennen sich hier wohl alle, in der Schöneberger Kirche zum Heilsbronnen. Das könnte damit zu tun haben, dass hier früher die „Evangelische Sammlung“ ihr Zentrum hatte, eine über Berlin hinaus bekannte Bewegung, die sich in den 70er Jahren als eine Art konservatives Bollwerk gegen studentenbewegte Neuerungen verstand. Widerstand nach außen schafft Zusammenhalt nach innen. Die Evangelische Sammlung ist heute ein unbedeutendes Grüppchen, das Gemeinschaftsgefühl in Heilsbronnen ist geblieben – ebenso eine Liturgie, die sich an feste Maßstäbe hält, das Glaubensbekenntnis gleich dreimal singt und spricht und Gläubige, die wissen, an welchen Stellen ihr Einsatz gefordert ist. Für Fremde liegt ein Blatt mit der liturgischen Abfolge aus.

Die Predigt hält der Schöneberger Superintendent Wolfgang Barthen. Er steigt auf die Kanzel, rückt die randlose Brille zurecht und spricht über jenen Josef aus dem ersten Buch Mose, der von seinen Brüdern in die Fremde verkauft wird, weil sie ihn, den Lieblingssohn des Vaters, loshaben wollen. Josef wird in Ägypten Verwalter am Hof des Pharaos und wendet eine Hungersnot ab. Die Brüder haben Angst, dass sich der erfolgreiche Josef an ihnen rächen wird. Er ist ihnen aber gar nicht böse. Sie hätten ihm zwar Böses tun wollen, aber Gott habe es zum Guten gewendet.

Eine alltägliche Geschichte, sagt Barthen mit ruhiger, sonorer Stimme, jeder kenne wahrscheinlich so einen Josef, dem übel mitgespielt wurde. Aber das Ende ist außergewöhnlich. Josef ist nicht wütend, denn Gott hat Böses in Gutes verwandelt. Wie das geht, könne man manchmal auch im Gottesdienst erleben. Viele kämen voller Sorgen, die sie alleine nicht tragen können, aber benennen und mit einem Kyrieeleison hinaussingen. Manchmal fühle man sich danach befreiter, ein bisschen wie verwandelt. Barthen hat wohl Recht: Im schön eingerichteten Kirchencafé jedenfalls ist hinterher kaum noch ein Platz frei. Dutzende schwatzen und lachen, ganz so, als hätten sie die Sorgen vergessen. clk

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