Bötzow-Viertel in Berlin : Prothesenbauer "Otto Bock" zieht in die alte Brauerei ein

Das Areal der Bötzow-Brauerei wird umgebaut - und ist Hauptthema des neuen Wirtschaftsmagazins "Tagesspiegel Köpfe". Wir stellen verschiedene Aspekte der Brauerei vor - beginnend mit einem Porträt von Hans Georg Näder, Chef des Prothesenbauers Otto Bock.

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Hans Georg Näder baut die besten Prothesen der Welt. Nun zieht er mit seinem Unternehmen in die alte Bötzow-Brauerei.
Hans Georg Näder baut die besten Prothesen der Welt. Nun zieht er mit seinem Unternehmen in die alte Bötzow-Brauerei.Foto: Thilo Rückeis

Eigentlich wollte Hans Georg Näder nur eine neue Yacht bestellen. Doch dann kaufte er gleich die ganze Werft.

Hans Georg Näder geht von Bord seiner 46 Meter langen Segelyacht "Pink Gin", steigt über ins schwarze Motorboot und fährt Richtung Strand. Der kleine Russell-Terrier Otto ist auch schnell rübergehüpft, die Mannschaft bleibt zurück und winkt. Ende eines gewöhnlichen Urlaubs. Seit 45 Jahren kommt Näder im Sommer hierher, früher noch den langen Weg von einem niedersächsischen Städtchen bis zur Costa Smeralda auf dem Rücksitz der goldbraunen S-Klasse seines Vaters Max; heute fliegt er mit dem Privatjet. Nach dem Start blättert er durch ein paar Zeitungen. Im "Tagesspiegel" bleibt er hängen an der Reportage über den Landkauf von Spekulanten und liest dann die Geschichte über den bevorstehenden Abriss der Kant-Garagen.

Der Mann hinter dem weltweit führenden Unternehmen für Medizintechnik "Otto Bock"

Am Abend zuvor hat er viel von Berlin gesprochen, über den Gründergeist, die Chancen der Stadt – und das Risiko, sie zu verspielen. Jetzt sind wir im Landeanflug auf Frankfurt am Main, General Aviation Terminal, hier steigt HGN, wie ihn seine Mitarbeiter nennen, in einen silbernen Audi und lässt sich zur Lufthansa fahren. Um 14 Uhr geht es weiter für ihn, nach Los Angeles. Über dem schwarzen Polohemd liegt locker geschlungen ein voluminöser, blassrosa Schal. Die bunten Bermudashorts hat er immer noch an.

Die Zukunft der Bötzow-Brauerei
Die 1885 eröffnete Bötzow Brauerei war damals die größte Privatbrauerei Norddeutschlands mit einer Kapazität von 210.000 Hektolitern und einem 5.000 m² großen unterirdischen Lagerkeller. Die erstklassige Qualität des Bieres brachte Julius Bötzow schon 1886 die Ernennung zum Hoflieferanten ein und machte seinen Biergarten auf dem Brauereigelände mit Platz für 6.000 Gäste zum beliebten Ausflugsziel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: promo
30.08.2013 12:38Die 1885 eröffnete Bötzow Brauerei war damals die größte Privatbrauerei Norddeutschlands mit einer Kapazität von 210.000...

Wer ist dieser Mann, dessen Großvater vor 94 Jahren im Hinterhof der Köpenicker Straße 147 damit begann, Prothesen für Kriegsversehrte herzustellen, der das Unternehmen 1990 von seinem Vater übernahm und heute das weltweit führende Unternehmen für Medizintechnik leitet? Über die Hälfte des Jahres ist er unterwegs, den Winter verbringt er in Uruguay, wo er ein Grundstück besitzt.

100 Millionen Euro für die alte Bötzow-Brauerei

Doch jetzt will er 100 Millionen Euro in die alte Bötzow-Brauerei an der Prenzlauer Allee investieren, Kreative und Organisierte zusammenbringen in einem Future Lab, mitten in Berlin die Zukunft erfinden. Seit ein paar Jahren wohnt er im Beisheimcenter am Potsdamer Platz, 17. Stock, auch wenn ihm die Fasanenstraße eigentlich besser gefällt. Er gilt als Wohltäter, sammelt Kunst, liebt Design, die Leute sprechen über ihn mit Bewunderung und Respekt. Er wirkt besonnen und ruhig, kann spontan sein und schnell. Fragt man ihn, ob er sich für exzentrisch hält, sagt er, vielleicht, ein bisschen, aber Sie kannten ja meine Mutter nicht. Millionen Menschen verdanken seiner Firma, dass sie wieder gehen, greifen, sich bewegen können, Dankesbriefe kann er aus dem Gedächtnis zitieren. Den neuen Papst bezeichnet er als Glück für die Welt. Als Lebensziel nennt er: Querschnittsgelähmten zum Gehen zu verhelfen.

Auf seiner Karte steht "Prof. Hans Georg Näder, President and Chief Executive Officer, Otto Bock Holding GmbH & Co. KG, Max-Näder-Straße 15, 37115 Duderstadt". Die Mobilnummer schreibt er bei Bedarf mit dem Kuli dazu. Was dort nicht steht: Produktionsstandorte und Niederlassungen in Europa, Asien, Afrika, in Nord- und Südamerika, nebenbei Mehrheitseigner von Baltic Yachts in Finnland, Eigentümer eines Modeshops in St. Tropez, Lehraufträge in Göttingen und Peking, knapp 794 Millionen Umsatz im vergangenen Jahr, eine Milliarde in diesem, zuletzt 128 Millionen Gewinn, zweistellige Wachstumsraten, 7000 Mitarbeiter weltweit, bald schon 10.000, immer höher, schneller, weiter.

 

Der Anfang: Duderstadt, Rathaus, 7. Oktober 2005

Der Deutsche Behindertensportverband hat zu seinem Verbandstag in die niedersächsische Stadt geladen, Funktionäre sind gekommen, Politiker, auch Kati Witt ist da, sie hat eine Stiftung für die Förderung behinderter Kinder gegründet. Als im Rathauskeller der gesellige Abend beginnt, sind draußen in der Fußgängerzone die Glastüren der Geschäfte längst verriegelt. Hier in Duderstadt ist Hans Georg Näder geboren, Fachwerkhäuschen, Kopfsteinpflaster, etwas mehr als 20.000 Einwohner, seit Ende 2012 ein eigenes Autokennzeichen ("DUD"). Ohne das Unternehmen Otto Bock wäre der Verband nicht auf die Idee gekommen, hier seinen Kongress zu veranstalten, ohne Otto Bock wäre in Duderstadt überhaupt wenig los.

Die Firma, die hier an ihrem Stammsitz 1500 Mitarbeiter beschäftigt, gehört zu den größten Förderern des Behindertensports. Und ohne Hans Georg Näder, den Enkel des Firmengründers, in der ganzen Region als Mäzen geschätzt, Ehrenbürger der Stadt, gäbe es hier nicht die Kunsthalle HGN mit ihren 100 Bildern von Helmut Newton, nicht das Schützenmuseum, nicht den Masterplan Duderstadt 2020, nicht das Tabalugahaus, ein Projekt für schutzbedürftige Kinder, das er mit Peter Maffay gegründet hat. Auch das jahrhundertealte Hotel zum Löwen, das ihm gehört, wäre ohne ihn nur eine abgewohnte Kleinstadtherberge; heute ist es ein modern restauriertes Kunstwerk.

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