Berlin : Bohlen billig

Der Allgegenwärtige ist das neue Gesicht eines Elektronikmarkts

Stefan Jacobs

Der ProMarkt heißt jetzt MakroMarkt, und Dieter Bohlen war wie immer. So weit die Nachricht.

Aber bei Dieter Bohlen geht es ja um den Event. Der begann am Mittwoch kurz vor neun damit, dass je ein Dutzend Kamerateams und Fotografen die zum günstig mietbaren Tagungssaal umfunktionierte Auferstehungskirche in Friedrichshain umstellten. Es können auch ein paar mehr oder weniger gewesen sein, aber sie ließen sich kaum zählen, weil sie jedes Mal wild durcheinander rannten, sobald eine dunkle Limousine am Horizont auftauchte. Die Kirche war nur durch die Hintertür erreichbar, denn das Portal war von breitnackigen Männern mit Security-Windjacken überm Anzug verstellt.

Um kurz nach neun schreitet der neue MakroMarkt-Werbeträger Bohlen durchs Portal und schaltet sein Ich-bin-echt-total-gut- drauf-Grinsen ein. Neben ihm stehen Matthias und Michael Wegert, Inhaber der gleichnamigen Ladenkette. Ein Marketingmensch verbittet sich Fragen nach Bohlens neuem Buch, aber die „Medien-Ikone“ (Pressetext) tröstet eilig: „Morgen bin ich auf der Buchmesse in Frankfurt, da können Sie Fragen stellen.“ Es ist das vorletzte Mal an diesem Morgen, dass er die Anwesenden siezt.

Michael Wegert beschreibt die jüngere Geschichte der 92 ProMärkte: 1988 erste Eröffnung in Berlin, ab 1998 Verkauf an eine britische Firmengruppe, fast 60 Millionen Euro Verlust im vorigen Jahr. Im Januar 2003 Rückkauf der Filialen durch die Wegert-Brüder für einen Euro. Der neue Name soll über das angekratzte Image hinweg helfen. Bruder Matthias blickt nach vorn: Die Läden werden nach ihrem Umbau eher schlicht als schön sein und die Waren garantiert nicht teurer als anderswo. Bohlen steht schräg hinter Wegert und schaut wie eine Präsidentengattin.

Nachdem der Marketingmensch erklärt hat, Bohlen passe hervorragend zum neuen Slogan „Es lebe billig!“, darf die Medien-Ikone selbst ans Mikrofon. Zehn Jahre lang sei er immer extra einen Umweg gefahren, um im ProMarkt einzukaufen, sagt Bohlen. „Ich kauf’ auch weiter meine Platten im MakroMarkt, ich steh’ da voll hinter.“

Sieben Werbespots sollen dem Volk den neuen Firmennamen beibringen. In einem fährt Bohlen im Ferrari durch die Stadt, die Polizei stoppt ihn wegen angeblich fahrlässigen Verhaltens. „In diese Scheißkarre geht ja nichts rein“, mault er die Polizisten an. Dann kommt das ganze Auto ins Bild: Das Dach ist meterhoch mit MakroMarkt-Kisten beladen. Ein Männerchor brüllt aus dem Off den Slogan, die Polizei transportiert die Kartons ab. Klappe. „Ich find’ den echt lustig“, jubiliert die Ikone. Dann sagt sie noch, dass sie „auch auf dieses ganze Zeug – Gucci, Rolex und Pipapo“ stehe, aber kein teures Geld dafür ausgeben würde. „Ich bekomme das Zeug doch geschenkt.“

Nun dürfen die Journalisten Fragen stellen – aber eben nicht zum Buch. Zuerst fällt niemandem etwas ein, aber nach der Schweigeminute will einer wissen: „Wie schätzen Sie Ihre wirtschaftliche Wichtigkeit ein?“ „Äh, könn’se die Frage noch mal…“, bittet der studierte Diplom-Kaufmann. Also: Er wirbt für fünf Unternehmen, spart gern und sei, wie gesagt, morgen auf der Frankfurter Buchmesse. Der Rummel um ihn sei halb so schlimm, auch werde „in zwei Wochen schon wieder ’ne andere Sau durch den Wald gejagt“. Nun dürfen die Fotografen noch einmal. Erst rufen sie: „Herr Bohlen!“, und drängeln. Dann rufen sie: „Dieter!“, und drängeln noch mehr. Die Ikone strahlt noch, als ein Sicherheitsmensch sie schon sanft von der Bühne schiebt.

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