Berlin : Bohlen vor Präsident

Ohne Popstars geht es nicht mehr. Das gilt jetzt auch für den alljährlichen Bundespresseball. Ein Sänger bekam am Freitagabend mehr Aufmerksamkeit als das Staatsoberhaupt

Matthias Oloew

Prioritäten setzen, das ist ganz wichtig beim Bundespresseball. Sonst übersieht man womöglich im Getümmel der über 2500 Gäste jene Leute, die man treffen will. Mathias Döpfner, Vorstand der Springer-AG und einer der Hauptsponsoren des Balls im Hotel Intercontinental, hat diese Maxime am Freitagabend einmal mehr beherzigt. Lange stand Döpfner auf der Liste für den Tisch des Bundespräsidenten. Dann hat er sich kurzfristig anders entschieden und einen kleinen Tisch vorgezogen, an dem nur vier Paare Platz haben. Das eine: Dieter Bohlen und Freundin Estefania Küster. Das andere: Edmund Stoiber und Ehefrau Karin.

Der Popstar statt des Bundespräsidenten als Tischpartner. Döpfners Wahl ist zumindest bemerkenswert, wenn auch nicht erstaunlich, schließlich versorgt Bohlen Springers Bild-Zeitung mit verkaufsträchtigen Schlagzeilen. Und Bohlen genießt die Aufmerksamkeit sichtlich. Politik-Promis wie Friedrich Merz (CDU) und Wolfgang Gerhardt (FDP), sonst gern im Mittelpunkt, müssen drängeln um durchzukommen. Gerhardt und seine Frau Marlies nehmen es mit Humor: „Das sind die wahren Stars.“

Politik verkauft sich derzeit eben schlechter als Pop. Eine Regel, der sich auch der Bundespresseball, auf dem sonst Popstars selten sind, nicht mehr entziehen kann. Das hat sich wohl auch der Bundeskanzler gedacht – er ließ den Ball aus. Die Zeiten sind schließlich nicht rosig und Bilder von einem Austern schlürfenden Gerhard Schröder nicht vermittelbar. Florian Gerster und Bert Rürup, zwei Hoffnungsträger in des Kanzlers Reform-Agenda, sind dennoch da und diskutieren den Stand der (Reform-)Dinge.

Die Dekorationen sind dezenter als in den Vorjahren, auf den Stehtischen schöne Orchideen, farblich passend zu den Seidenkissen, auf denen sich die Flaneure ausruhen können. Neben Außenminister Joschka Fischer bleibt ein Gedeck frei, das kein Namenskärtchen hat. Für den Fall der Fälle. Vor einigen Jahren, bei seinem letzten Ball-Auftritt, musste für Fischers Ex-Frau ein Gedeck herbeigezaubert werden, weil nicht klar war, ob er in Begleitung kommt, oder nicht. Auf Guido Westerwelle ist in dieser Hinsicht Verlass. An seiner Seite wieder seine langjährige Ball-Begleiterin Ute Spangenberg.

Und natürlich auf den Bundespräsidenten und seine Frau. Johannes und Christina Rau tanzen zusammen mit dem Vorsitzenden der einladenden Bundespressekonferenz, Werner Gößling und seiner Frau Ursula, einen Walzer zur Eröffnung – Auftakt für eine lange Ballnacht.

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