Berlin : Bohrstaub, Waschmittel, Löschschaum - jedes Pulver löst Alarm aus

Barbara Junge[Werner Schmidt],Jörn Hassel

Die Serie der verdächtigen - und bisher stets harmlosen - Briefsendungen in Berlin reißt nicht ab. Am Freitag wurde die Polizei 16 Mal alarmiert, darunter vom Bundeskanzleramt. Um die sich ausbreitende Verunsicherung in Behörden zu bremsen, startet der Senat jetzt eine Informationsoffensive in den eigenen Verwaltungen.

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Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Die Innenverwaltung erarbeitet ein Merkblatt für Mitarbeiter und nachgeordnete Behörden wie die Einwohnermeldeämter, die Ausländerbehörde oder das Statistische Landesamt. In diesem Schreiben, das betonte am Freitag die Sprecherin der Innenverwaltung, Svenja Schröder-Lomb, sollen die Mitarbeiter zwar zur Wachsamkeit aufgerufen, aber gleichzeitig beruhigt werden. Die Gefahr, dass Briefe tatsächlich wie in den USA Milzbrandsporen enthielten, sei sehr gering. Die Handlungsanweisungen lassen sich knapp zusammenfassen: Verdächtige Briefe nicht berühren und die Polizei rufen. Alles weitere sollen Experten entscheiden.

Mehr als 100 Mal wurde die Polizei seit dem 10. Oktober alarmiert; am Freitag gab es bis 15 Uhr insgeamt 16 Vorfälle. Briefe mit verdächtigem Inhalt gingen im Bundeskanzleramt ein, aber auch in den Ministerien für Justiz, Verkehr und Inneres wurden auffällige Schreiben abgefangen. Der verdächtige Brief im Bundekanzleramt enthält nach einer vorläufigen Analyse des Robert-Koch-Institutes keinen Milzbrand.

Aus Sicherheitsgründen soll die Dorotheenstraße zwischen Wilhelmstraße und Reichstag künftig für Lkw gesperrt und ein Halteverbot eingerichtet werden. Dies sagte Verkehrssenator Strieder Bundestagspräsident Thierse zu. So sollen Anschläge durch mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge erschwert werden. Die Dorotheenstraße sollte am kommenden Montag nach jahrelanger Vollsperrung wieder geöffnet werden. Dies verschiebt sich jetzt, bis die Polizei das Lkw-Verbot genehmigt hat. Der Wunsch des Parlaments, das gesamte Regierungsviertel für Lastwagen zu sperren, werde "geprüft".

Gleichzeitig nimmt die Angst im Umgang mit Pulvern aller Farben groteske Züge an. Auf Waschpulver fiel ein Postbote am Donnerstag in Köpenick herein. Als der Mann einen Nachtbriefkasten leerte, bemerkte er weißes Pulver und gab Alarm. "Waschpulver sollte man schon am Geruch erkennen können", sagte ein Polizeibeamter. Auch die S-Bahn gab Alarm, weil in einem Zug weißes Pulver festgestellt worden war. Hier war es Schaum aus einem Feuerlöscher, den Unbekannte versprüht hatten. Den Vogel aber schossen Mitarbeiter eines Kindertheaters an der Parkaue in Lichtenberg ab: Wegen eines Pulvers auf dem Türrahmen benachrichtigten sie die Polizei. Ein Beamter fand oberhalb des Rahmens Bohrlöcher und folgerte messerscharf: Das "Pulver" ist Bohrstaub.

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