Berlin : Bolzen für Toleranz

Beim ersten jüdisch-muslimischen Fußballspiel in Berlin fielen viele Tore. Und Christian Ströbele gab den strengen Schiedsrichter

Alexander Schäfer

Elfmeter in der 5. Spielminute. Ein klarer Fall für den Mannschaftskapitän: Ardahanli Mehtap legt sich die weiße Lederkugel zurecht. Unter Anfeuerungsrufen läuft sie an. Schuss. Torhüter Numan Emre streckt sich, doch der Ball segelt weiter, prallt an den Pfosten. Nachschuss Mehtap: Tor. Spielstand 1:0 für die Mannschaft in den rotschwarz gestreiften Trikots. Doch die gegnerische Mannschaft in Weißblau gleicht aus – später, zur Halbzeitpause, steht es dann 3:3, nach 90 Minuten leistungsgerecht 8:8.

Das Spiel beider Mannschaften gestern Nachmittag auf dem Sportplatz am Tempodrom war eine besondere Aktion gegen Vorurteile. Die Kantorin Avitall Gerstetter und das Online-Magazin „Hagalil“ organisierten das, wie es hieß, erste jüdisch-muslimische Fußballspiel Deutschlands. Aber nicht gegeneinander wurde gespielt, sondern miteinander in gemischten Teams. „Der interkulturelle Gedanke beim Sport war eine Grundidee der Begegnung“, sagte Avitall Gerstetter. „Besonders freut mich, wie fair die Spieler und Spielerinnen gespielt haben.“ In beiden Teams trat je eine Spielerin an; wie die türkische Torschützin Mehtap traf auch die Gegnerin, beide Frauen schossen insgesamt drei Tore. Toleranz prägte auch die beiderseitige Aufstellung: Die 18 bis 42 Jahre alten Spieler setzten sich aus Vereinen – von Mannschaften wie Makkabi oder Al-Dersimspor – und aus Hobbysportlern zusammen.

Unterstützung fand die Partie von prominenter Seite: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse machte den Anstoß, der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele pfiff das Spiel als Unparteiischer, und RBB-Moderator Jörg Thadeusz spielte gleich selbst mit. „Es ist besser, miteinander zu spielen, als übereinander zu reden“ – mit diesen Worten begrüßte Thierse, der in seiner Jugend beim Thüringischen Verein Motor Eisfeld kickte, die 300 Zuschauer.

Wenig später ärgerte sich Thierse über einen nicht gegebenen Eckstoß. „Ich war heute zum ersten Mal Schiedsrichter“, entschuldigte sich Ströbele, Neffe der 1954er Fußball-Radiolegende Herbert Zimmermann. „Vor dem Spiel habe ich jeglichen Kontakt zum Skandalkollegen Robert Hoyzer und zu sämtlichen Wettbüros vermieden“, scherzte der bunt gekleidete Schiedsrichter Ströbele.

Jörg Thadeusz brachte als Protestant gleich noch eine dritte Religion ins Spiel. „Mir wurde vorher versichert, dass ich bei einem Tor größte Unterstützung beim Konvertieren zum jüdischen Glauben erhalte“, erzählte Thadeusz. Dazu kam es aber nicht.

Die Zuschauer feuerten bei leichtem Regen beide Mannschaften und insbesondere die Spielerinnen an. „Das Schöne ist, dass man gar nicht merkt oder erkennt, wer zu welcher Religion gehört“, sagte Türkiyemspor-Anhänger Ahmet Özen und biss in ein koscheres Sandwich.

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