Bombe entschärft : Unruhige Nacht für 10.000 Berliner

Nach dem Fund einer amerikanischen Fliegerbombe in Friedrichsfelde wurden in der vergangenen Nacht rund 10.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Die Evakuierung ist beispiellos in der jüngsten Geschichte Berlins; die Bombe wurde inzwischen entschärft.

Berlin - Eine Bombenentschärfung in einem dicht besiedelten Wohngebiet hat in der Nacht zum Dienstag eine der größten Evakuierungsaktionen in der jüngsten Geschichte Berlins ausgelöst. Etwa 10.000 Menschen wurden im Stadtteil Friedrichsfelde vor der Entschärfung einer amerikanischen 250-kg-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in Sicherheit gebracht. In der Wohnsiedlung mit zum Teil elfgeschossigen Hochhäusern in Nähe des Tierparks Friedrichsfelde musste ein Areal im Umkreis von 500 Metern um die Fundstelle geräumt werden.

Die Entschärfung dauerte von 23.26 bis 00.08 Uhr und lief laut Polizei problemlos ab. Danch konnten die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren. Über 400 Polizisten, Feuerwehrleute und DRK- Mitarbeiter waren im Einsatz. Die Bombe war bei Straßenbauarbeiten von einem Bagger freigelegt worden.

Dem Polizeifeuerwerker Dirk Wegener ist die Freude über die gelungene Entschärfung vom Gesicht abzulesen. «Routine gibt es bei Bomben nie. Die Situation ist immer anders. In diesem Fall war die Lage des Sprengkörpers ungünstig», sagt der erfahrene Fachmann. Der Blindgänger wurde zunächst vom Bagger aus der Baugrube geborgen, dann entschärfte Wegeners vierköpfiges Team die beiden Zünder. Inzwischen ist es gegen 1 Uhr morgens. Die frierenden Menschen strömen sichtlich erleichtert in ihre Wohnungen zurück.

Am Montagnachmittag gegen 14.00 Uhr waren Arbeiter beim Schachten in einer kleinen Baugrube auf Metall gestoßen. Die Stelle liegt in der Alfred-Kowalke-Straße nahe dem Institut für Zoo- und Wildtierforschung am Tierpark. Bald darauf bestätigen Polizeifeuerwerker: Es ist eine Bombe. Das Räderwerk der Evakuierung läuft an. Der Straßenbahn- und Busverkehr wird gestoppt, Gasleitungen müssen unterbrochen werden. «Normalerweise sind für die Vorbereitung einer solchen Aktion zwei Tage Zeit, diesmal blieben nur Stunden», sagt Polizeisprecher Frank Thiele.

Mancher hält es zunächst für einen schlechten Halloween-Scherz, als die Polizisten bei ihm an der Wohnungstür klopfen. Viele Leute kommen gerade von der Arbeit oder vom Einkaufen. Doch die Beamten weisen unmissverständlich auf den Ernst der Lage hin. Keiner darf bleiben. «Hier im Haus haben alle Kinder wegen des abgebrochenen Halloween-Festes geheult», erzählt Peter Simon. Der 42-jährige allein erziehende Vater bringt seine 10-jährige Tochter zur Oma. So kommen viele Leute bei Verwandten und Freunden unter. Für die meisten Mädchen und Jungen in dem Kiez fiel am Dienstag die Schule aus.

Das größte Problem ist die Räumung eines Seniorenheims. Polizisten und DRK-Leute bringen dort beinahe 200 alte Leute in Sicherheit. Viele sind bettlägerig und müssen auf Tragen transportiert werden. Der Beginn der Entschärfung verzögert sich immer weiter. Rund tausend Menschen sind derweil in Notunterkünften untergebracht. Auf der Polizeiwache Sewanstraße zum Beispiel werden viele ältere Leute betreut. Das DRK gibt warmen Tee und Suppe aus. Als es Nacht wird, legen sich manche auf Feldbetten schlafen. Ein 66-Jähriger meint nachdenklich: «Angst hatte ich nicht, aber es ist schon ein seltsames Gefühl. Als Kind habe ich noch den Krieg erlebt.»

Über die dunklen Fassaden der menschenleeren Hochhäuser flackert das Blaulicht der Polizeiautos, die das Gelände absperren. Einige Bewohner harren vor ihren Häusern aus, wie die Studenten Robert und Christian. Einige murren, je später und je kälter es wird. «Ich will endlich nach Hause», ruft eine Frau entnervt. Wegener hat Verständnis dafür: «Häuser zu verlassen ist immer eine Katastrophe.» Aber Sicherheit geht vor. Nicht auszudenken, wenn die Bombe hochgegangen wäre. «Häuser wären zerstört worden, über die Gegend wäre ein Regen von Splittern niedergegangen, die Menschen köpfen können.» (tso/dpa)

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