Berlin : Bombe im Plänterwald: Über 50 Jahre neben 2 Tonnen Sprengstoff gewohnt

Werner Schmidt

Es wird eine der aufwendigsten Bombenentschärfungen in der Geschichte des Berliner Kampfmittelräumdienstes. Wenn morgen im Plänterwald damit begonnen wird, eine Luftmine mit ihrem Gewicht von knapp 2 Tonnen - von denen allein 1,3 Tonnen reiner Sprengstoff sind - unschädlich zu machen, haben bereits 2000 Anwohner an der Neuen Krugallee in Treptow ihre Wohnungen verlassen. Praktische Erfahrung haben die Polizeifeuerwerker mit einer solchen Bombe nicht. Seit Ende des Krieges wurden nachweislich der Statistik in Berlin erst vier Luftminen dieser Bauart gefunden und entschärft - die letzte 1967.

Die Generation der Feuerwerker, die sich damit beschäftigen musste, ist längst im Ruhestand. Bevor die Feuerwerker am Freitag mit ihrem Spezialwerkzeug zu der Bombe in die etwa drei Meter tiefe Grube im Waldboden steigen, wird im Umkreis von einem Kilometer alles abgesperrt. Kein Auto wird fahren, kein Flugzeug den Plänterwald überfliegen und auch auf der nahe gelegenen Spree wird kein Schiff mehr kommen.

Polizeifeuerwerker Dirk Wegener rechnet damit, für die Bombenentschärfung zwischen einer halben und zwei Stunden zu benötigen. Abhängig ist dies vom Zustand der drei Zünder, die einzeln von Hand entfernt werden müssen. Durch das Erdreich, das die Luftmine gestern noch umgab, war nicht zu erkennen, ob die Zünder womöglich eingedrückt sind, was aber für sehr wahrscheinlich gehalten wird. Dann kann es mitunter lange dauern, bis es gelingt, sie aus den Halterungen zu schrauben. Aber Wegener ist zuversichtlich: "Wir kriegen sie raus. Bisher haben wir noch alle rausgekriegt!"

Eine Luftmine entwickelte bei ihrer Explosion eine enorme Druckwelle, die in der "Malmzone von 300 Metern" alles auf Streichholzgröße zerfetzte, sagte Wegener; bis 500 Meter um den Detonationsort wurden noch immer Gebäude schwer beschädigt. Bei "normalen" Bomben wurde die Hülle durch die Explosion in kleinste scharfkantige Teile zerrissen, die tödliche Verletzungen verursachten und schwere Schäden anrichteten. Die Luftminen waren mit über 2,40 Meter Länge und einem Durchmesser von 76 Zentimetern die schwersten Bomben, die die Alliierten während des Krieges über Deutschland abwarfen.

Gefunden wurde der Blindgänger nur wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem, wie berichtet, am Dienstag der Rest einer russischen 100-Kilo-Bombe gesprengt worden war. Wie am Dienstag war es auch diesmal der 32-jährige Thomas Borchert von der Firma Schollenberger, der die Bombe gefunden hatte. Die Firma sucht mit anderen Räumdiensten im Auftrag des Senats planmäßig den Plänterwald nach Weltkriegsmunition und Blindgängern ab.

Was Wegener gestern besonders empörte, das waren zahllose geborstene Urnen, die zutage gefördert wurden, als Borchert und seine Kollegen nach der Bombe gruben. Offenbar waren die Urnen von einem ehemals vorhandenen, irgendwann aber eingeebneten Friedhof in den Wald gebracht und dort einfach in ein Erdloch geworfen worden. "Pietätlos und rücksichtslos", nannte Wegener diesen Umgang mit Verstorbenen. Die Urnen stammen aus der Zeit um 1910, wie an den Aufschriften zu erkennen war. Wo sie ursprünglich beigesetzt waren und wer die sterblichen Überreste dort wie Müll vergraben hatte, ist unbekannt.

Das Bezirksamt Treptow begann bereits gestern, die Räumung der betroffenen 200 Häuser zu organisieren. Die Anwohner werden für die Zeit der Bombenentschärfung vermutlich in leeren Turnhallen unterkommen, sofern sie nicht von Freunden oder Verwandten aufgenommen werden. Zudem muss ein Altenheim geräumt werden, in dem auch Pflegefälle untergebracht sind. Bis morgen Abend werden aber alle Anwohner wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können.

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