Berlin : Bomben auf Paläste

Wolfram Siebeck

Im Gegensatz zu Hunden haben Katzen keine Sorgenfalten. Wenn sie sich Sorgen machen, ob die Tür, hinter der sie ihren Fressnapf wissen, sich jemals öffnen wird, so sieht man es ihnen nicht an. Katzen sitzen in solchen Fällen regungslos vor der Tür und hypnotisieren die Klinke. Ein besorgter Gesichtsausdruck lässt sich an ihnen dabei nicht feststellen. Daher weiß ich auch nicht, bis zu welchem Grad aus Frau Hoffmann die Sorge spricht, als sie fragt: „Wird der Palast der Republik jetzt tatsächlich abgerissen?“ Mein Gott, woher soll ich das wissen? Also frage ich: „Woher soll ich das denn wissen? Mal heißt es ,Morgen kommen die Bagger’, mal will man den Wiederaufbau des Schlosses abwarten.“

„Wer ist man?“

„Das sind Leute, die daran verdienen.“

„Die Schlossbauer haben doch schon verdient, oder irre ich?“

„Nein. Sie haben Unkosten gehabt, heißt es. Aber Papier ist geduldig.“

„Was heißt denn das schon wieder?“

„Das heißt, dass du schreiben kannst, was du willst. Beispielsweise kannst du schreiben, dass amerikanische Geheimdienste in Deutschland zwischenlanden, um ihre Gefangenen in fremde Foltergefängnisse zu bringen. Oder dass zwei deutsche Beamten den Einsatz der US-Artillerie in Bagdad gelenkt haben.“

„Das waren wohl AWACs zu Fuß?“

„Kannst du jedenfalls schreiben. Es interessiert in Wirklichkeit niemanden. Nur ein paar Leute regen sich schrecklich darüber auf. Wie über den Palast der Republik und das Schloss.“

„Warum regen die sich auf?“

„Damit....sag mal, wieso interessiert dich das?“

„Ich finde es cool, wenn zwei deutsche Fußgänger in Bagdad zweitausend amerikanische Kanonen dirigieren.“ Frau Hoffmann scheint sich wie ein Geheimdienstler in Bagdad zu fühlen. Ihre Ohren dreht sie wie Radaranlagen, ihr Näschen schnuppert den Wüstensand.

Sie sucht weitere Informationen: „Und wieso ist Papier dabei geduldig?“

„Wenn du überlegst, wie viele Jahre sie nun schon über den Aufbau des Schlosses und den Abriss des Palastes diskutieren, dann braucht ein Blatt Papier mindestens so viel Geduld wie du, wenn du vor der geschlossenen Küchentür sitzt.“

„Wird es danach gefoltert?“

„Wonach? Nach dem Abriss, nach dem Aufbau, oder was?“

Sie überlegt eine Weile. Dann sagt sie: „Können deutsche Agenten die amerikanische Artillerie nicht auf den Palast der Republik lenken? Das ersparte der Stadt Berlin die Kosten für den Abriss.“

„Und wenn sie nicht genau treffen, erledigt sich auch der Aufbau des Schlosses.“

„Was heißt ,nicht genau’?“

„Nun, sie könnten das geduldige Papier im Rathaus treffen. Man nennt das Kollateralschaden.“

„Du meinst, deutsche Beamte sind nicht in der Lage, den Palast der Republik zu treffen?“

„Wenn ihnen bald das Weihnachtsgeld gestrichen wird, treffen sie sich nur noch zu Protestversammlungen.“

„Wie in Nürnberg vor dem AEG-Werk.“

„Das waren keine Beamten, sondern Opfer der Globalisierung.“

Frau Hoffmann schweigt. Sie sitzt angespannt, dann springt sie los. Ein Schmetterling, von der Heizungswärme frühzeitig aus dem Winterschlaf geweckt, sucht an der Fensterscheibe einen Ausgang in den Winterhimmel. Vergebens. Er findet Eingang in das Maul der Katze. „Musste das sein?“, frage ich erschüttert über das Ende des kurzen Frühlingserwachens. Frau Hoffmann sieht nicht so aus, als verhelfe ihr der Schmetterling zu neuen Erkenntnissen. Sie zuckt mit dem Schwanz: „Der Terror muss bekämpft werden, wo er sich zeigt“, schnurrt sie.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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