Bombenalarm am Hauptbahnhof : 100 Kilo Aufregung

Ein Bombenfund am Hauptbahnhof störte stundenlang den Verkehr auf Schiene, Wasser und sogar in der Luft. Straßen wurden gesperrt, Anwohner mussten bis zur Entschärfung ihre Häuser verlassen. Aber ganz am Ende wurde die Bombe dann doch noch ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt - dieses Mal aber ohne Gefahr für die Berliner.

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Gefahr unter der Plane. Sprengmeister konnten die russische Weltkriegsbombe unweit des Hauptbahnhofs unschädlich machen. Rund um die Fundgrube war ein Sperrgebiet mit etwa 300 Meter Radius gezogen worden.Weitere Bilder anzeigen
dpa
03.04.2013 15:09Gefahr unter der Plane. Sprengmeister konnten die russische Weltkriegsbombe unweit des Hauptbahnhofs unschädlich machen. Rund um...

Ein Loch im gelben Sand ist alles, was von der Bombe zurückbleibt. Zehn Meter weiter, auf der anderen Seite der Gleise am Lehrter Güterbahnhof, liegt das corpus delicti auf der Ladefläche eines Transporters vom Kampfmittelräumdienst. Eine Reihe von Objektiven und Kameras ist auf den ein Meter lange und hundert Kilo schweren Zylinder gerichtet, der verrostet und sandig auf der Ladefläche liegt. Ein Reporter tritt aus Versehen auf den Zünder, eine britische Fernsehmoderatorin nimmt ihn in die Hand und bestaunt das kleine Ding.

Was gegen zwei Uhr nachmittags ohne Gefahr aus der Nähe zu bestaunen war, hatte vorher stundenlang nach respektvollem Abstand verlangt. In einem Radius von 300 Metern wurde der Bannkreis um den Fundort gezogen, zwischen Perleberger Brücke und Hauptbahnhof. Züge in Richtung Norden fielen aus, Straßen wurden gesperrt und die Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. 150 Personen fanden Zuflucht in der Moses-Mendelssohn-Oberschule. Insgesamt wurden 40 Häuser eilig geräumt.

Ehrem Avam aus der Lehrter Straße wollte gerade einkaufen gehen, als er im Hausflur auf vier Polizisten traf. „Ich war zuerst schockiert, als ich von der Bombe hörte“, erzählt er, „dann habe ich meine Nachbarn alarmiert.“ Nun steht er auf der Perleberger Brücke und wartet darauf, dass sein Sohn aus dem Wedding kommt und ihn mit seiner Familie abholt. Im Hintergrund, neben den Gleisen, flattert eine grüne Plane über der Fundstelle.

Hätte der Kopfaufschlagzünder seinen Zweck erfüllt und die russische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst, wären die Folgen neben einem tiefen Krater und zerstörten Gleisen auch kaputte Scheiben an Häusern der Umgebung gewesen, erklärte Dietmar Püpke vom Kampfmittelräumdienst nach der Entschärfung. Der Polizeifeuerwerker hatte zusammen mit seinem Kollegen Matthias Rabe den Zünder aus der Bombe gedreht und sprach hinterher von einer „völlig normalen Entschärfung“. Der Zünder war nicht verkantet, was die Arbeit erleichterte, die Bombe steckte etwa einen Meter tief im lockeren Boden.

Nach dem Entschärfen nahm auch der Flughafen Tegel wieder seinen Betrieb auf. Nach Angaben von Flughafensprecher Lars Wagner waren von 13.10 Uhr bis 13.35 Uhr Landungen untersagt, obwohl die Flugzeuge den Flughafen aus Richtung Westen ansteuerten und die Route damit relativ weit vom Bombenfundort entfernt war. Beim Entschärfen könne man nicht vorsichtig genug sein, begründete Wagner diesen Schritt. Meist seien Maschinen von anderen Flughäfen später gestartet oder hätten Warteschleifen geflogen. Der Kerosinvorrat ist dafür berechnet. Bei den Starts habe man erwogen, Maschinen gen Westen abheben zu lassen, obwohl sie grundsätzlich gegen den Wind starten sollen. Weil der Ostwind aber kräftig mit 15 Knoten geweht habe, seien in dieser Zeit auch die Starts ausgefallen, weil ein Abheben mit dem Wind zu risikoreich gewesen wäre.

Die Bahn nahm nach Angaben eines Sprechers gegen 13.40 Uhr ihren Betrieb wieder auf; allerdings bauten sich die Verspätungen teilweise langsam ab. Auch die Busse der BVG, die umgeleitet worden waren, kehrten auf ihre Stammstrecken zurück. Als Letztes ging der Güterverkehr wieder auf die Schiene. „Die warten schon ungeduldig darauf, dass der Betrieb weitergehen kann“, sagt Polizeisprecher Jens Berger lachend und dreht sich zu einem Mann in orangener Weste, dessen grimmiger Gesichtsausdruck von seinem Bart noch verstärkt wird.

Als die letzten Fotos geschossen sind, rumpelt der Lastwagen mit seiner explosiven Fracht vom Bahngelände. Die Bombe wird nun auf einen Sprengplatz gebracht und soll dann das tun, wozu sie vor 70 Jahren gebaut wurde: explodieren.

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