Berlin : Bombenfund: Tausende verließen Häuser

Polizei räumte am Abend elfgeschossige Wohnblocks in Lichtenberg. Notunterkünfte in Kitas und Schulen

Christoph Stollowsky

Alle Lichter in den Fenstern der riesigen Wohnblocks erloschen, kein Auto unterwegs, die Bürgersteige wie leergefegt: Die Alfred-Kowalke-Straße und die Straße Am Tierpark in Lichtenberg ähnelten gestern Abend gegen 22 Uhr einer Geisterstadt. Mehr als 13 000 Bewohner der elfgeschossigen Plattenbauten mussten nach dem Fund einer 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe ihre Häuser räumen. Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg war bei Straßenbauarbeiten entdeckt worden. Rund 400 Polizisten, 50 Rot-Kreuz-Helfer und die Feuerwehr brachten die Menschen in benachbarten Notunterkünften unter. Straßenbahnen und Busse wurden umgeleitet. Bis Redaktionsschluss war die Bombe noch nicht entschärft.

Bauarbeiter hatten den Sprengkörper bereits in den Nachmittagsstunden mit einem Bagger ans Licht befördert. Danach prüften Experten, ob sie unentschärft einen Transport überstehen würde. In diesem Falle hätte man sie zum Schießplatz der Polizei im Grunewald gebracht und dort unschädlich gemacht. Da dies aber nicht möglich war, entschloss sich die Polizei in den Abendstunden, das ausgesprochen dicht bewohnte Gebiet direkt am Rande des Tierparks Friedrichsfelde im Umkreis von 500 Metern zu räumen. Um ganz sicher zu gehen, sollten die Polizeifeuerwerker erst danach den Zünder entschärfen.

Polizeibeamte und DRKler gingen mehrere Stunden lang in den elfgeschossigen Mietshäusern von Tür zu Tür, klingelten und teilten den Bewohnern mit, wo sie eine vorübergehende Notunterkunft finden könnten. „Ziehen Sie sich warm an!“, wurde ihnen als Ratschlag mitgegeben. „Es kann ein paar Stunden dauern.“ Zuvor waren Streifenwagen bereits mit Megaphonen durch die Straßen gefahren. Besondere Hilfen benötigten etliche Bewohner eines Pflegeheimes mit rund 200 älteren Menschen. Sie wurden mit Krankentransportwagen in die provisorisch freigeräumten Räume im nahen „Hotel am Tierpark“, in Schulen, Kindergärten und Polizeidienststellen gebracht. Dort drängelten sich bereits tausende Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, um schnell aufgestellte Notbetten, Tische und Stühle.

Das Rote Kreuz verteilte an die Hals über Kopf aus ihren Wohnen geholten Anwohner heißen Tee und warme Mahlzeiten. Und Polizisten vertrösteten ungeduldige Frager. Wenn die Siedlung erstmal komplett geräumt sei, hieß es, sei die Entschärfung erfahrungsgemäß eine schnelle Sache. Die etwa 80 Zentimeter lange Bombe lag unterdessen streng bewacht in einer Baugrube.

Einfacher hatte es die Polizei bei einem Bombenfund im vergangenen September am Rande des Flughafens Tegel. Dieser Blindgänger war zwar doppelt so schwer wie der Lichtenberger Sprengkörper, es mussten aber nur einige Mehrfamilienhäuser in dem weniger dicht bewohnten Gebiet geräumt werden.

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