Bombenleger-Prozess : "Charlyn muss kämpfen"

Im Prozess gegen den Rudower Bombenleger sagten am Mittwoch die Eltern des 13-jährigen Mädchens aus. Charlyns Arm wird wohl nie wieder komplett verheilen.

Kerstin Gehrke

Peter J. sah die Zeugen nicht an. Durch eine Briefbombe in einem Wohnhaus in Rudow hatte er seine Nichte lebensgefährlich verletzt. Nun saßen die Eltern des inzwischen 13-jährigen Mädchens im Gerichtssaal – erstmals in dem seit mehr als zwei Monaten laufenden Prozess wegen versuchten Mordes. „Charlyn muss jeden Tag sehr viel kämpfen“, sagte ihre Mutter. Nach einer zweiwöchigen Traumatherapie mit Delfinen bestehe aber jetzt wieder Hoffnung.

Zwei Sprengfallen hatte Peter J. im November 2008 gelegt – eine im Briefkasten der Familie seiner Stiefschwester, die andere auf dem Auto seines Schwagers. Das gab er vor Gericht zu und sprach von einem „Fehler“. Charlyn habe er nicht treffen wollen. „Sie war die einzige in der Familie, die ich mochte“, sagte er. Seinen Schwager habe er verletzen wollen. „Hand ab – dafür, dass er geklaut hat“, sagte der Angeklagte.

Die damals zwölfjährige Charlyn kam aus der Schule. Sie sah etwas aus dem Briefkasten ragen und griff nach dem Umschlag. Bei der Explosion wurde Charlyns rechter Arm zerfetzt, außerdem erlitt sie schwere Verbrennungen im Gesicht. Wie andere Bewohner des Hauses rannte auch ihre Mutter in den Flur. „Ich sah die Schultasche meiner Tochter und eine Blutlache“, sagte die 34-Jährige Christine J. Charlyn musste etliche Operationen über sich ergehen lassen. Bis Mitte Februar lag sie im Krankenhaus.

Die Schülerin kämpft. Sie ging so schnell wie möglich wieder zur Schule. Sie möchte Abitur machen. „Alle sind für sie da“, sagte ihr Stiefvater. Mitschüler, Lehrer, Freunde, Nachbarn. „Aber zwischendurch hatte sich Charlyn aufgegeben“, berichtete die Mutter. Da hatte sie begriffen, dass der Arm wohl nie wieder richtig funktionieren wird. Derzeit gehe es wieder aufwärts. „Jeden Tag nach der Schule geht Charlyn zur Therapie“, sagte die Mutter. Und die Schülerin hat wieder Träume: „Sie möchte einmal in die Forschung, etwas für die Umwelt tun.“

Peter J. und Charlyns Mutter sind gemeinsam aufgewachsen. Beide kamen wie zwei weitere Mädchen als Pflegekinder in die Familie. „Ich kenne Peter zwar als aufbrausend mit Worten, sonst aber als lieben, netten Menschen“, sagte die Zeugin. Er sei schon immer „ein bisschen komisch“ gewesen. „Aber man musste nie Angst haben.“ Ob er als Kind schlechter behandelt wurde als seine Geschwister, wollte der Verteidiger wissen. „Meine Eltern haben nichts falsch gemacht“, betonte die Frau.

Nach dem Tod ihrer Pflegemutter vor zwei Jahren habe sich das Verhältnis zu ihrem Bruder verschlechtert. Bei Familientreffen sei es zu Pöbeleien und Drohungen gekommen. „Er wollte uns einen Einbruch in seine Wohnung in die Schuhe schieben.“ Ob an seinen Vorwürfen etwas dran ist? „Absolut nicht“, versicherten Charlyns Eltern.

Auch Christine J. sah während ihrer Aussage den Angeklagten nicht an. Er sei ein „einsamer und kranker Mensch“, sagte sie später. Aber die Angst vor dem Bruder werde bleiben. Der Prozess geht Mittwoch weiter. Kerstin Gehrke

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