Bombenopfer Charlyn : Die Narben bleiben

Im November 2008 zerfetzte eine Bombe den Arm der 13-jährigen Charlyn. Auch heute noch leidet das Mädchen an den Folgen des Anschlags. Jetzt kommt ihr Onkel vor Gericht.

Tanja Buntrock
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Wink mit links. Im Januar durfte Charlyn das Krankenhaus erstmals für einen Kurzbesuch im Elternhaus verlassen. -Foto: dpa

Die vielen tiefen Narben an ihrem rechten Arm verhüllt noch immer ein Verband. Sie müssen stets eingesalbt werden. Die 13-jährige Charlyn J. kennt sich damit mittlerweile richtig gut aus. Doch so sehr sie die entstellten Hautstellen auch balsamiert – sie werden bleiben. Und sie werden Charlyn immer wieder daran erinnern, was am 26. November 2008 geschah.

An jenem Nachmittag wollte sie Post aus dem Briefkasten im Haus ihrer Eltern in Rudow holen. Plötzlich eine Detonation: Eine im Kasten versteckte Bombe zerfetzte ihren rechten Arm. Die Gymnasiastin entkam nur knapp dem Tod. Der Bombenleger soll ihr eigener Onkel sein. Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen den 33-jährigen Peter J. Ihm werden zweifacher versuchter Mord und das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vorgeworfen. Neben der Bombe im Briefkasten hatte er auch noch einen Sprengsatz am Auto von Charlyns Vater deponiert. Doch dieser zündete nicht.

Charlyn und ihr Vater Magnus J. sind Nebenkläger in dem am Mittwoch beginnenden Prozess. Betreut werden sie von dem Opfer-Juristen Thomas Kämmer.

Nach der Tat war Peter J. elf Tage lang auf der Flucht. Charlyn stand im Krankenhaus unter Polizeischutz, der Rest der Familie ebenfalls. Es folgte eine der größten Fahndungsaktionen der Berliner Polizei. Wie sich später herausstellte, hatte sich J. in einer Erdhütte in Rahnsdorf versteckt. Am 6. Dezember konnte er festgenommen werden – per Zufall, am Ostbahnhof. Bundespolizisten fassten den Mann, der auffällig nahe entlang den Schließfächern umherstreunte.

Über das Motiv für die Anschläge kursierten viele Spekulationen: Aus Neid und Hass auf die Familie soll der arbeitslose Peter J. aus Neukölln die Taten begangen haben. Es heißt, er wollte sich offenbar an seiner  Stiefschwester und seinem Schwager rächen, weil die ihm einen Bekannten vermittelten, der ihm für 3000 Euro einen Golf verkaufte. Der Wagen sei aber dauernd kaputtgegangen. Die Schuld sah er wohl bei seinen Verwandten. Auch als bei ihm eingebrochen worden war, mutmaßte J., dass sie dahintersteckten.

„Diese Motive sind meiner Ansicht nach nur vordergründig“, sagt Opfer-Jurist Kämmer. Er sieht die Taten hingegen als „Amoklauf“, sagte er dem Tagesspiegel. Vor Gericht müsse dafür nun die hintergründige Motivlage durchleuchtet werden: „Dann wird sich auch herausstellen, ob es bei einer uneingeschränkten Schuldfähigkeit bleibt.“ Ein psychiatrisches Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass J. grundsätzlich schuldfähig ist.

Charlyn musste wegen ihrer schweren Verletzungen etliche Operationen über sich ergehen lassen. Am 16. Februar dieses Jahres durfte sie die Klinik verlassen. Ihren Arm und ihre Hand könne sie jetzt teilweise wieder bewegen. Doch das Gelenk werde „immer steif bleiben“, sagt Kämmer. Etliche Therapien stehen immer noch auf ihrem Tagesplan: Eine ambulante Psychotherapie und eine regelmäßige Physiotherapie. Zudem hat sie sowohl in den Oster- als auch in den Sommerferien mehrere Wochen in einer Physiotherapie-Klinik in Ahrenshoop an der Ostsee verbracht. All dies sei nicht immer leicht in den Alltag zu integrieren.

Doch die Quälereien sind Motivation genug für den Höhepunkt, der in den Herbstferien folgen soll: eine „delfinunterstützte Traumatherapie“ auf der Karibikinsel Curaçao. „Charlyn hat sich schon vorher sehr für Delfine begeistert“, erzählt Kämmer.

Der Jurist gibt zu bedenken, dass auch Charlyns Vater Magnus schwer traumatisiert sei: Er hatte an jenem Tag morgens eine Bohnenbüchse auf seinem Autodach gefunden. Weil er sie für Müll hielt und sich nichts dabei dachte, nahm er sie herunter und fuhr zur Arbeit. Stunden später kamen ihm Zweifel – er fuhr damit zur Polizei. Auch diese mit Sprengstoff gefüllte Dose soll sein Schwager dort deponiert haben. Es war Zufall, dass sie nicht explodiert ist. Polizeiexperten bauten den Sprengsatz später nach, ein Test ergab: Die Explosion wäre tödlich gewesen. „Charlyns Vater hatte fünf Schutzengel“, sagt Kämmer. Doch verkraftet habe Magnus J. diesen Anschlag noch nicht. Er werde deshalb eine mehrwöchige stationäre Traumatherapie beginnen.

Und Charlyn, deren Pubertät gerade beginnt? Sie nehme gerade wahr, dass die Narben und der kaputte Arm eine „lebenslängliche Beeinträchtigung darstellen“, sagt Kämmer. Tanja Buntrock

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