Bonner Retter in der Not : Hans-Jochen Vogel zu Besuch beim Tagesspiegel

Sein Amtszeit war recht kurz, aber die Erinnerung an ihn ist wach geblieben. Der frühere Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel diskutiert beim Tagesspiegel mit Herausgeber und Chefredakteur über seine Amtszeit.

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Besuch in Berlin. Der frühere Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel, der in München lebt, im Gespräch mit Tagesspiegel-Lesern.
Besuch in Berlin. Der frühere Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel, der in München lebt, im Gespräch mit...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Seine Amtszeit währte nur 140 Tage, und es ist auch schon drei Jahrzehnte her, dass der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel Regierender Bürgermeister von Berlin war. Aber die Erinnerung an ihn ist wach geblieben, er hat die Politik als Bundestagsabgeordneter und durch sein Bürgerbüro in Neukölln lange geprägt. Das wurde jetzt wieder deutlich, als der mittlerweile 85-Jährige im Tagesspiegelhaus am Askanischen Platz mit Herausgeber Hermann Rudolph und Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff diskutierte.

Die vielen Zuhörer beeindruckte nicht nur die geistige Präsenz des früheren Justizministers und SPD-Fraktionsvorsitzenden, sondern auch sein Faktengedächtnis und die Moralität der Ansichten. „Menschenkenntnis und Glaubwürdigkeit“ seien erforderlich, um als Politiker eine Stadt wie Berlin in eine gute Zukunft zu führen, sagte er. Sein Credo: „Man sollte wissen, dass man sein Tun vor den Menschen und als Christ auch vor Gott zu verantworten hat.“

Hans-Jochen Vogel im Gespräch
85 Jahre, weise und kein bisschen leise - Hans-Jochen Vogel zu Besuch beim Tagesspiegel.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Fotos: Kai-Uwe Heinrich
09.06.2011 16:5185 Jahre, weise und kein bisschen leise - Hans-Jochen Vogel zu Besuch beim Tagesspiegel.

Als politisches Zentrum der Bundesrepublik werde Berlin ebenso weiter an Bedeutung gewinnen wie in kultureller Hinsicht. Eine entsprechende Entwicklung wünsche er der Metropole auch im wirtschaftlichen Bereich. Noch einmal blickte Vogel mit den beiden Journalisten auf seine Berliner Amtsperiode als Regierender Bürgermeister zurück. Im Januar 1981 war Dietrich Stobbe auf dem Höhepunkt des Garski-Skandals um in den Sand gesetzte Landesbürgschaften zurückgetreten.

Nach einem Treffen mit Bundeskanzler Schmidt und Fraktionschef Wehner entschied sich der damalige Bundesjustizminister Vogel, die Nachfolge anzutreten. Vom Tag seiner Wahl im Abgeordnetenhaus, dem 23. Januar 1981, sind ihm zwei besondere Begrüßungen in Erinnerung geblieben. Ost-Berlins SED-Bezirkschef Konrad Naumann bezeichnete West-Berlin als einen „faulen Apfel, der bald vom Baum fällt“. Axel Springer telegrafierte: „In einer Zeit, wo Politiker wie Hunde nach Berlin geprügelt werden müssen, heiße ich Sie willkommen“. Dazu Vogel: „Ich habe geantwortet, ich bin kein Hund, ich bin ein Vogel“. Mit Sympathie erinnerte sich Vogel an die Sachkenntnis der langjährigen Rathauskorrespondentin Brigitte Grunert.

Die nur auf die Finanzierung von Neubauten ausgerichtete Berlin-Förderung des Bundes hatte zum hohen Leerstand von Altbauwohnungen und zu Hausbesetzungen geführt. Unter Vogel entstand die „Berliner Linie“. Besetzte Häuser wurden nur noch bei Nachweis von Neuvermietung oder Sanierung geräumt. Intern versuchte Vogel, die zerstrittenen Flügel der Berliner SPD zu einen. „Am Schluss sah es so aus, als könnten wir es schaffen“, erinnerte er sich an die vorgezogene Wahl am 10. Mai 1981. Mit 38,3 Prozent erreichten die Sozialdemokraten ein Ergebnis, „mit dem alle Parteien heute ganz zufrieden wären“. Aber die SPD lag damit knapp zehn Prozent hinter der CDU. Am 11. Juni wurde Richard von Weizsäcker zum Regierenden Bürgermeister gewählt. „Gegen ihn zu verlieren, war keine Schande“, resümierte Vogel.

Nächster Gast in der Gesprächsreihe „Berlin – wo kommt es her, wo geht es hin?“ ist am 15. Juni Richard von Weizsäcker. Es folgen Walter Momper (20. Juni) und Eberhard Diepgen (27. Juni). Die Veranstaltungen beginnen um 18 Uhr im Verlagshaus am Askanischen Platz 3. Der Eintritt kostet inklusive Begrüßungssekt 14 Euro. Anmeldung unter Tel. 29021 520 oder im Internet: www.tagesspiegel.de/shop.

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