Berlin : Bosnische Roma: Am liebsten gleich zurück nach Berlin

Paul Kreiner

"Berlin, das ist gut. Ich liebe Berlin. Aber Bosnien, das ist Mist." Behara Arapovic steht vor ihrem Haus in Kalesija, unweit der nordbosnischen Stadt Tuzla. Ganz frisch gebaut ist es, die roten Ziegelmauern müssen noch verputzt werden; spätestens im November kann die Familie einziehen, noch vor dem Winter also. Aber Behara Arapovic ist unzufrieden. Sieben Jahre, sagt sie, hat sie als Flüchtling in Berlin gelebt, drei Kinder dort geboren, jetzt ist sie zurückgekommen: "Und hier ist gar nix. Mein Mann arbeitslos, keine Sozialhilfe, kein Aldi, kein Karstadt zum Einkaufen. Kein Krankenschein. Wer bezahlt den Arzt für meine Kinder?" Frau Arapovic trägt ihr jüngstes auf dem Arm; in der Siedlung, in der auf Initiative der Berliner Ausländerbeauftragten und aus EU-Mitteln neu aufgebaut worden ist, haben sich zahlreiche Roma um sie versammelt. Ihr Sprecher Ramiz Ahmetovic sagt ohne Umschweife: "Hier wollen alle zurück nach Deutschland. Ich auch, sofort, wenn ich eine Chance hätte."

Stichtag 30. November

So genau Berlin die Bosnien-Flüchtlinge gezählt hat, die es zwischen 1991 und 1995 aufgenommen hat - es waren 29 294 -, die Zugehörigkeit zu Volksgruppen ist nie eigens erhoben worden. Die Zahl der Roma wird auf 5000 geschätzt. Entsprechend unscharf muss es im Rückführungs-Programm ausgesehen haben. Bernd Wahrlich jedenfalls, der Leiter des Häuserprojekts im Kanton Tuzla, sagt, für das auf 85 Familien ausgelegte Vorhaben habe Berlin nur 15 Familien benannt: "Wir mussten die Hälfte unserer Zeit dafür aufwenden, selber geeignete Familien zu suchen. So ist die Frist für das Projekt ziemlich knapp geworden." Robin Schneider vom Büro der Ausländerbeauftragten in Berlin erzählt, man habe "unheimliche Schwierigkeiten" gehabt, ein Hilfswerk als Partner für das Roma-Programm zu finden: "Viele wollten mit diesen Leuten gar nichts zu tun haben, wegen der Vorurteile eben."

Gefunden hat sich, nach ergebnisloser Suche in Deutschland, das österreichische "Hilfswerk Austria", das in beiden Teilrepubliken von Bosnien-Herzegowina noch zahlreiche andere Rückkehrer - Bosnier, Serben, Kroaten - betreut. Es hat ein Programm im Umfang von drei Millionen Euro ausgearbeitet; die EU hat es auf die Hälfte zusammengestrichen und eine Abwicklung innerhalb von zehn Monaten vorgeschrieben: Planung und Bau von 76 Häusern für knapp 400 Personen in drei Gemeinden, Anschluss an Wasser, Abwasser und Strom, Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten. Bis 30. November muss alles erledigt sein.

Bernd Wahrlich, der Projektleiter, sieht "eine gewisse Ungerechtigkeit" in der Anlage des Programms: "Diejenigen, die im Krieg weggegangen sind und jetzt zurückkehren, die kriegen Hilfe. Aber wer hier geblieben ist und das alles durchgemacht hat, steht leer da. Das führt unter den Roma auch zu Neid und Eifersüchteleien." Der Unterschied ist in der Siedlung von Kalesija mit Händen zu greifen: Hier die Häuser nach EU-Norm - 55 Quadratmeter für sechs Personen, aber immerhin -, dort Hütten mit Plumpsklo im Hof.

Aber so wie die Roma im Vorkriegs-Jugoslawien nicht unter besonderer Diskriminierung zu leiden hatten, deutlich weniger als das in anderen osteuropäischen Ländern der Fall war, so stehen sie auch jetzt insgesamt kaum schlechter da als der Rest des Volkes. Behara Arapovic führt in ihrer reichhaltigen Klageliste zwar auch den Punkt, dass es in der Roma-Siedlung "nur zweimal am Tag Wasser gibt", und dass das in Berlin natürlich ganz, ganz anders gewesen sei, doch Wahrlich sagt, das gehe der ganzen Stadt Tuzla so: "Seit dem Krieg leckt eine Hauptwasserleitung; nur haben sie seither, in den ganzen fünf Jahren, den Fehler nicht gefunden." Dass Tuzla immer noch von Flüchtlingen überquillt - vor dem Krieg hatte die Stadt 200 000 Einwohner, jetzt 400 000 - macht die Versorgungslage nicht einfacher. Und der allgemeine Aufbau von Staat und Zivilgesellschaft, von Schulwesen, Krankenversorgung, Rentenzahlungen hinkt weit hinter dem her, was Hilfsorganisationen einzelnen Gruppen bieten. Wahrlich überlegt deshalb, ob eine "gleichmäßige Hilfe für alle" nicht besser wäre.

Arbeitslosenrate 50 Prozent

Und dann die Sache mit den Jobs. Offiziell liegt die Arbeitslosenrate in Bosnien bei 50 Prozent; die Vertreter des Hilfswerks Austria sprechen von faktisch 80 Prozent, und im Büro des UN-Kommissars erzählt man von einer neuen Umfrage, derzufolge mehr als 60 Prozent der Jugendlichen das ohnehin ausgeblutete Land verlassen wollen, weil sie keine Perspektive sehen. Von den Roma hat so mancher in Berlin seine Kurse besucht, sich am Computer schulen lassen oder etwa den Baggerführerschein gemacht: "Am bosnischen Markt vorbei", befindet Projektleiter Wahrlich. Für diese Fähigkeiten sei derzeit kein Platz im Land. Weil in Bosnien in D-Mark gehandelt wird, also ein direkter Vergleich mit den Sozialhilfesätzen in Berlin möglich ist, kommt Manchem auch keine rechte Lust auf Arbeit.

So sagt der 22-jährige Amir Ahmetovic, er wäre gerne Automechaniker, habe nach der Schule bereits in einer Berliner Werkstatt geschnuppert, einen Job fände er in Kalesija wohl auch: "Aber da verdienst du zehn Mark am Tag bei zwölf Stunden Arbeit. Davon kann ich nichts zu essen kaufen, nicht mit Mädchen in die Disco gehen..."

Gerade für Roma sei der Arbeitsmarkt besonders eng geworden, hat das österreichische Hilfswerk festgestellt: In Jugoslawien waren sie vielfach als Wander- oder Saisonarbeiter im Einsatz, hier bei der Ernte, dort im Tourismus; Altstoffsammlung und Autowaschen galten als Domänen der Roma - da haben sich, in den schwierigen Zeiten, andere Bosnier hineingedrängt. Die Wanderarbeit endet nun an den Grenzen der Nachbarstaaten; diese halten sich mit der Erteilung von Visa zurück: "Nächste Woche", erzählt Aljo Alimanovic in Kalesija, "kommt mein Bruder samt Familie aus Slowenien zurück. Bisher durfte er dort in der Schrottverwertung arbeiten. Jetzt läuft sein Visum aus. " Alimanovic begründet auch, warum so manche Roma-Kinder keine Schule besuchen. Unerschwinglich seien gute Kleidung und die Schulbücher, sagen die einen. Alimanovic aber sagt: "Ob Schule oder nicht, nachher kriegst du eh keinen Job."

Das Arbeits-Förderungsprogramm besteht in Kalesija und den anderen beiden "Berliner" Projektgemeinden darin, dass Werkzeuge verteilt werden, beispielsweise zur Holzbearbeitung, mit denen etwa Amir Ahmetovic da und dort beim Hausbau mithelfen will. Andere erhalten Nähmaschinen oder die Grundausstattung für einen Friseursalon, ein Stück Garten vielleicht für die Eigenversorgung; auch hat das Hilfswerk Austria schon österreichische Kühe nach Bosnien geschafft für Rückkehrer, die landwirtschaftlich arbeiten wollen.

"Schwarze Arbeit"

Von welchem Geld sie leben, erzählen die Roma nicht im Detail. Von irgendwelchen 40 Mark im Monat ist die Rede; manche haben einen Kleinhandel mit Altkleidern aufgezogen. Einer gibt zu, zusammen mit seiner Frau mache er "schwarze Arbeit" im "Arizona", dem riesigen, nur per Auto zu durchmessenden Gebrauchtwarenmarkt bei Brcko, wo von der Nähnadel über Autos und Lastwagen bis hin zur Rolex alles zu haben sein soll: "In Bosnien ist das überall so: 99 Prozent sind schwarze Arbeit."

Gestiegen soll in bosnischen Gemeinden immerhin die Bereitschaft sein, geflüchtete oder vertriebene Angehörige ethnischer Minderheiten wieder aufzunehmen. Die anfängliche Weigerung einzelner Bürgermeister hätte das Berliner Projekt beinahe gefährdet; mittlerweile hat der UN-Kommissar für Bosnien, Wolfgang Petritsch, per Amtsgewalt nachgeholfen und 24 widerstrebende Gemeindevorstände abgesetzt.

Die noch in Berlin lebenden 1500 Roma-Flüchtlinge, für die kein Abschibeschutz mehr gilt, werden dies genau beobachten. Für sie wird es keine Förderungen mehr geben, sagt die Ausländerbeauftragte: "Keine Programme. Leider nein."

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