Botanik in Dahlem : Da blüht uns was

Überlebenshilfe im Berliner Winter: Wem das Grau-in-Grau zuviel ist, der sollte die Gewächshäuser im Botanischen Garten besuchen. "Schöne Männer mit blutroten Köpfen" blühen dort.

Heidemarie Mazuhn
Botanik
Spitze. Biologin Gesche Hohlstein weiß kurzweilig über die Pflanzen des Botanischen Gartens zu berichten - auch über Collins...Foto: Thilo Rückeis

BerlinDie Meldung aus dem Botanischen Garten klang mysteriös: „Die schönen Männer mit den blutroten Köpfen blühen“, hieß es da. Also auf nach Dahlem, wo es schon schon auf dem Weg zu den Gewächshäusern Überraschendes zu entdecken gab: Gleich hinterm Eingang Königin-Luise-Platz bilden die silbrigen Fruchtstände des Judassilberlings grazile Formationen, blüht mutig und noch etwas am Boden versteckt frühlingshaft gelb der Winterling und duftet betörend der Winterschneeball.

Das Große Tropenhaus sieht unter seiner Bauplane aus wie von Christo eingepackt. Das 100–jährige denkmalgeschützte Wahrzeichen des Dahlemer Gartens, mit seiner lichten Höhe von 23 Metern eines der größten Gewächshäuser der Welt, wird grundsaniert und dabei die undichte Hülle aus Acrylglas gegen eine aus hochwertigem Wärmeschutzglas getauscht. Im Dezember sollen die Arbeiten beendet sein.

Aber zurück zu den Männern mit den blutroten Köpfen. Zu ihnen gelangt der Besucher am bequemsten durchs Bistro. Drinnen im Gewächshaus fällt der erste Blick allerdings erst auf einen Strauch mit skurrilen Blüten – eine Heliconia. Deren gebogenes rotes Blütenblattist so geformt, dass genau der Schnabel eines Kolibris hioneinpasst. Denn Heliconia verlockt mit ihrer Signalfarbe doch den winzigen Vogel dazu, bei ihr Nektar zu trinken. Und während der Kolibri so seinen Appetit stillt, wird er ganz nebenbei ein wenig mit Blütenstaub bepudert, den das Tier zur nächsten Pflanze weiterträgt.

Es ist ein bisschen wie Urlaub hier in der blühenden und duftenden Tropenwelt, in der man sogar picknicken kann. „Urlaub für die Seele“ nennt Gesche Hohlstein die einmalige Möglichkeit, die der Botanische Garten seinen Besuchern bietet. Die 34-jährige Diplom-Biologin kann diesen Urlaub beruflich genießen – im Botanischen Garten ist sie seit vergangenem Jahr für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Berufener könnte kaum einer sein – mit wahrer Begeisterung und Liebe spricht sie von „ihren“ Pflanzen. Von allen weiß die Expertin etwas zu erzählen, was bei Führungen auch sehr gern macht. Nicht hochtrabend wissenschaftlich, sondern verständlich stellt sie ihre Lieblinge vor. Etwa den Napoleonaea vogelii, den kleinwüchsigen, dekorativen Regenwaldbaum aus Westafrika, deren Blüten einen intensiv süßen Geruch verströmen „Der Duft erinnern mich an geschmolzenenes Vanilleeis“, sagt die Botanikerin. Ein Franzose hat diese wunderschönene Verwandte der bekannten Paranuss zuerst entdeckt. Und weil gerade Napoleon zum Kaiser gekrönt wurde, benannte er sie nach ihm. Als der Imperator später auf Elba festsaß, soll sich der Entdecker der Napoleonaea Gedanken um eine Umbennung gemacht haben.

Und was hat es denn nun mit den schönen Männern und deren blutrote Köpfe auf sich? So beschreibt Gesche Hohlstein die Calliandra haematocephala. Denn mit ihren langen Staubfäden sehen ihre Blüten aus wie Rasierpinsel. Bekannt ist die Pflanze allerdings auch als Roter Puderquastenstrauch. In seiner südamerikanischen Heimat fliegen die Kolibris auf ihn. Stundenlang könnte man Gesche Hohlstein in ihrem tropischen Paradies zuhören. Wenigstens den Kaugummibaum solle man sich noch ansehen – der Milchsaft, der aus seiner Rinde fließt, wenn man an sie anritzt, wird tatsächlich zu Kaugummi eingekocht. Warum die Banane krumm ist, wird dann beim Blick nach oben klar – sie wächst an ihrer Staude nach oben zum Licht.

Botanischer Garten, Eingänge: Unter den Eichen (Bus M48), Königin-Luise-Platz (Bus 101, X83). Öffnungszeiten: Januar von 9 bis 16 Uhr, Februar von 9 bis 17 Uhr. Letzter Einlass jeweils eine halbe Stunde vor Schluss. Eintritt 5 Euro, erm. 2,50 Euro

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