Botanischer Garten : Der stinkende Stängel

Der Star im Botanischen Garten: Eine Pflanze, die in erster Linie durch ihren Gestank auffällt - aber auch durch ihre Seltenheit und das schnelle Wachstum ihrer Blüte. Heute kann man die Titanenwurz noch ein letztes Mal erleben.

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Spektakuläre Gestalt. Die Titanenwurz im Großen Tropenhaus.
Spektakuläre Gestalt. Die Titanenwurz im Großen Tropenhaus.Foto: dapd

Eine Stinkbombe? Ein Mega-Hundehaufen? Und das im Großen Tropenhaus! Einige Besucher weichen zurück, als krauche aus dem Regenwald eine giftige Natter auf sie zu. „Halt!“, ruft eine Mitarbeiterin des Botanischen Gartens. „Kommen Sie rein. Das ist doch unser Star, der hier so stinkt.“ Die übelriechende Diva mit dem lateinischen Namen „Amorphophallus titanum“, zu Deutsch: unförmiger Riesenphallus oder Titanenwurz, steht auf einem Podest, obwohl das gar nicht nötig wäre. „Sie sehen die größte Stinkeblume der Welt“, verkündet ein Plakat. Drumherum scharen sich am Sonnabend die Neugierigen, Kameras blitzen, Kinder halten sich die Nase zu.

Die Titanenwurz stammt aus Sumatra und ist sogar in ihrer Heimat äußerst selten. Das Berliner Exemplar kam 2000 an die Spree, blühte und stank hier erstmals 2009 – „und jetzt schon wieder“, freut sich Gesche Hohlstein, Sprecherin des Botanischen Gartens. Offenbar fühle sich die Titanenwurz hier sehr wohl.

Aus dem Blumentopf, in dem die 30 Kilo schwere Knolle ruht, hat sie 2010 erst einmal ein drei Meter hohes Blatt getrieben. Im Spätherbst schob sich dann ein Blütenkolben aus der Erde, der zuletzt bis zu 15 Zentimeter am Tag wuchs. „Da konnten Sie zugucken“, sagt Gesche Hohlstein. Schließlich überragte der Kolben die Zwei-Meter-Marke, die raffinierte Konstruktion der Pflanze für ein dreitägiges Blüh,- Gestanks- und Bestäubungsspektakel war bereit.

Am unteren Kolben öffneten sich am Samstag hunderte rote Miniblüten, von einem Blatt verborgen, das den Schaft wie ein Grammophontrichter umschließt. Es hat einen ähnlichen Effekt wie beim Schall. Der faulige Verwesungsgestank der Blüten wird optimal hinausbefördert, zumal sich der Kolben wie ein Heizstab bis zu 30 Grad erwärmt und die Luft im Trichter aufwirbelt. Schmeißfliegen werden anlockt und in die Irre geführt. Auf ihrer Suche nach Aas krabbeln sie zu den Blüten und besorgen so die Bestäubung.

Am Montag ist die letzte Chance, den Kraftakt der Stinkepflanze zu erleben. Danach sinkt der Kolben schnell in sich zusammen. Es bleibt ein bisschen Latrinenduft.

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