Botanischer Garten : Die Tropen werden umgepflanzt

Die große Halle im Botanischen Garten ist saniert – nun kehren 4000 teils riesige Gewächse zurück. Ab September können Besucher das neue Tropenhaus besuchen.

Annette Kögel
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Berliner Pflanzen. 500 Kilo schwere Gewächse lassen sich nur mit Maschinen und Einweiser umpflanzen. Hier schwebt eine Clusia...

Die Wunderbare Welwitschia durfte als Einzige bleiben. Sie heißt wirklich so, die Riesenkrakenpflanze aus der Wüste Namib in Westafrika. Die am Boden rankende Pflanze mit den breiten Blättern überlebt die bereits drei Jahre währenden Sanierungsarbeiten am Tropenhaus im Botanischen Garten hinter verstaubtem Glas, zusätzlich abgedeckt mit Planen. Jeden Tag schaut eine Gärtnerin nach ihr und prüft, ob die Blätter womöglich hellgrün werden oder welken. Versehentliche Sandstrahlattacken hat sie überlebt, auch dank des Beistandes von Experten aus dem Pflanzenschutzamt. Nun bekommt das kostbare Gewächs seine alten Nachbarn wieder: Die während der Bauarbeiten ausgelagerten 4000 Pflanzen kehren auf Schubkarren und an Teleskopladern – eine Mischung aus Gabelstapler und Kran – zurück in das knapp 100 Jahre alte, fast fertig sanierte Tropenhaus.

„Die Welwitschia hat ganz tiefe Wurzeln, sie wollten wir lieber nicht umsetzen“, sagt Michael Krebs, Sonderbeauftragter für die 16 Millionen Euro teure denkmalgerechte und energetische Sanierung aus Fördertöpfen und Eigenmitteln von EU, Bund und Land. Alle anderen Gewächse wurden behutsam ausgebuddelt und teils in extra errichtete Gewächshäuser umgesetzt. Dafür kauften die Mitarbeiter auch die größten auf dem Markt erhältlichen Pflanzkübel: 1000 Liter.

„Wir hatten Sorge, dass bis zu 50 Prozent aller Tropenpflanzen das nicht überstehen“, sagt Garten-Sprecherin Gesche Hohlstein. Doch es sind nur ganz wenige der 1358 Tropenarten eingegangen. Manche sind schon 160 Jahre alt, hatten bereits den Umzug vom alten, im Krieg zerbombten Tropenhaus, damals nahe dem heutigen Kleistpark, überstanden.

Die Clusia Guatemalensis, zu Deutsch Balsamapfel, sieht jedenfalls recht frisch aus. Sie hängt mit verpacktem Wurzelballen in Umzugsgurten am Haken des Spezialfahrzeuges der Havelländischen Baumschulen aus Werder. Geschäftsführer Hugo Schägg persönlich manövriert das Gefährt über den Bausand der völlig leergeräumten, 60 Meter langen und 29 Meter breiten Tropenhalle. Links, rechts, runter, schräger – einer der Bauarbeiter in Blau gibt ihm per Fingerzeig Anweisungen. Geschafft; das sonst in Guatemala und El Salvador wachsende Tropengrün ist im neuen Riesenkübel eingelassen. Andere Bäume sind bis zu 13 Meter hoch. Sie kommen quer in die Halle. Der Tropenfelsen mit den Farnen ist schon fertig, und die beiden Hightech-Umlufttürme sind es auch, sie sehen aus wie die Stämme von Urwaldriesen. Sie leiten die warme Luft wieder nach unten und können Hitze aufnehmen, falls es im 1700 Quadratmeter großen Tropenhaus selbst für die Exoten zu heiß wird. Später geben sie die Wärme wieder ab. Die alten Hallenträger sind saniert, die wärmedämmenden Scheiben lassen UV-Licht durch. Durch die Streben fließt nun Warmwasser, so dass die Scheiben nicht mehr von innen beschlagen. Besucher können das neue Tropenhaus, in dem viele gefährdete Arten überleben, ab September besuchen.

Dann wird auch ein Neuzugang zu bewundern sein: eine Seychellennuss. Der größte Samen der Welt – größer als ein Medizinball – ist ein Geschenk des Inselstaates. Die Palme wird mal 20 Meter hoch, die Halle endet 6,5 Meter drüber.

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