Botschafts-Architektur : Abschied vom "Brutalismus"

Die Tschechen wollen von der Wilhelmstraße in die frühere US-Botschaft ziehen. Und was wird später aus der jetzigen Botschaft der Tschechischen Republik - dem braunen Kasten, den Architekten als "ungeschliffenen Diamant" bezeichnen?

Lothar Heinke
Botschaft
Futur von gestern. Die Botschaft der der Republik Tschechien stammt aus den Zeiten der CSSR. -Foto: Ullstein

An dem Hause scheiden sich die Geister: Die einen finden die Botschaft der Tschechischen Republik in der Wilhelmstraße 44 wegweisend, revolutionär. „Architektonisch interessant“ ist das Mindeste, was den Freunden ausgefallener Baukörper einfällt, wenn sie vor diesem braunen Kasten mit den gefalteten Wänden stehen. Andere urteilen „ziemlich scheußlich“: architektonischer Mischmasch, unpassend für die einstige Regierungsmeile Wilhelmstraße, viel zu überdimensioniert für die damalige CSSR.

Gestern hatten wir berichtet, dass es Pläne gibt, die deutsche Botschaft in Prag mit dem berühmten „Genscher-Balkon“ – das Palais Lobkovicz – zu kaufen und den Tschechen dafür die ehemalige US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße anzubieten. Die Diplomatie hält sich noch bedeckt, wir spazieren derweil von einer Botschaft zur anderen und siehe: bei den Tschechen läuft gerade eine Ausstellung, die Stahl-Stein-Glas-Produkte von Vera und Vladimir Machonin vorstellt, jenem Architektenpaar, das zusammen mit Klaus Pätzmann und seinem DDR-Kollektiv diesen Bau entworfen hatte. Das war Ende der siebziger Jahre, die Straße hieß Otto-Grotewohl-Straße, der U-Bahnhof Thälmannplatz, hier war nicht nur die heutige U 2, sondern die Welt zu Ende. Mitten in dieser Wüstenei landeten die Tschechen ihr dunkelbraunes Raumschiff aus Glas, Granit, Stahl und Beton. In den goldgetönten Scheiben spiegeln sich jetzt die Plattenbauten der Umgebung wider. Der Eingang ist dunkel, das Haus ruht auf riesigen Säulen, der Pförtner freut sich, dass wir Prospekte über sein Land mitnehmen. Über dies Haus erfahren wir, dass es sich im Gegensatz zu anderen Berliner Bauten dieser Zeit kaum verändert hat. Die Tschechen sagen, dies sei der Stil des „französischen Brutalismus“, „und so kann man noch heute die eigenwillige Anmut der roten und orangefarbenen Kunstledersessel, die dunkle Holztäfelung und die dreireihigen Hängeleuchter bewundern. Unter Architekten wird der Bau als „ungeschliffener Diamant bezeichnet“.

Das kann man natürlich von der ehemaligen US-Botschaft nicht sagen. Die kommt aus dem vor-vorigen Jahrhundert, war 1886 als Warenhaus erbaut worden und wurde ab 1934 das Haus des Handwerks – bis die USA die DDR anerkannten und das Haus 1975 zur Botschaft ausbauten. Am auffälligsten ist die gähnende Leere hinter ein paar zurückgelassenen Gardinen – und nach jahrelanger Absperrung nun die freie Fahrt für freie Bürger durch die Neustädtische Kirchstraße. Ringsum: Russische, Polnische, Ungarische und Bulgarische Botschaft. Dazu die Amerikaner, Engländer und Franzosen.

Und was wird später aus dem braunen Kasten? Ein Bau-Magazin lobt das „phänomenale Design“: „Als Club wäre die tschechische Botschaft die erste Adresse Berlins“.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben