Berlin : Botschaftseröffnung: Belgische Pralinen, Berliner Einschusslöcher

Bernd Matthies

Das Messingschild blinkt wie neu. Hier ist die Belgische Botschaft, teilt es in drei Sprachen mit, Kanzleistunden werktags von 9 bis 13 und 3 bis 5 Uhr, sonnabends 9 bis 13 Uhr. Ganz normal - nur die zahlreichen Einschusslöcher stören den Eindruck. Das Schild gehört seit gestern wieder zur Belgischen Botschaft in der Jägerstraße 52/53 in Mitte. König Albert II. hat es gestern zur Eröffnung dieser Botschaft feierlich enthüllt.

Das Schild hat eine komplizierte Geschichte. Es hing am Eingang der Botschaft, die 1940 nach dem Überfall Hitlers auf Belgien geschlossen wurde, es wurde bei der Schlacht um Berlin durchlöchert, dann von den DDR-Behörden sichergestellt und anlässlich der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen 1973 dem Vicomte Davignon geschenkt, dem Sohn des letzten belgischen Botschafters. Er hat es seinem Land aus diesem besonderen Anlass zurückgegeben - und war gestern Gast der Feier mit König Albert, Königin Paola und Außenminister Michel. Als ranghöchster deutscher Vertreter hielt Außenminister Fischer eine Begrüßungsrede, dabei waren außerdem Eberhard Diepgen und Manfred Stolpe, zahlreiche Botschafter, Staatssekretäre und Militärs.

Das ursprüngliche Botschaftsgebäude wurde im Krieg zerstört. An seiner Stelle entstand 1966 ein Stasi-Plattenbau, die Belgier verlegten ihre neue Botschaft nach Pankow. Nach der Wende wurde zunächst das Gesundheitsamt Mitte in der Jägerstraße untergebracht, bis die Belgier das Grundstück wieder übernahmen. Der Plattenbau ist im Prinzip, wenn auch kaum sichtbar, erhalten geblieben - ein Symbol, wie Außenminister Michel in seiner Rede betonte. Man habe das Gebäude, das 40 Jahre lang Ost-Berlin personifizierte, an die Wirklichkeit des neuen Deutschland angepasst und damit die Versöhnung zwischen beiden Teilen Deutschlands versinnbildlichen wollen. Hinter der strengen Fassade hat die Berliner Architektin Elisabeth Rüthnick für knapp sieben Millionen Mark einen transparent-schlichten, unspektakulären Neubau realisiert, der seine besonderen Akzente durch einige Wände und Säulen in leuchtendem Orange erhält. Auf dem Hof ist neben einem kleinen, strengen Garten ein runder Festsaal neu entstanden. Joschka Fischer lobte die günstige Lage des Gebäudes: Es sei die dem Außenministerium nächstgelegene europäische Botschaft.

Die Feier am gestrigen Vormittag war betont schlicht, ohne feudales Gepränge gestaltet. Der König im dunklen Zweireiher ließ sich die Räume zeigen, plauderte mit ein paar hochrangigen Gästen und verließ das Gebäude nach einer guten Stunde, um sich in Schloss Bellevue mit Johannes Rau zu treffen. Die Zurückgebliebenen blieben noch eine Weile, bei Käsewürfeln und Pralinen aus Belgien.

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