Berlin : „Boxen ist doch auch ’ne Kunst…“

Max Schmelings Berliner Jahre: Vom ersten Triumph bis zur letzten Niederlage

Bernd Matthies

Es waren die Jahre, als Berlin sich geradezu explosiv zur Sportmetropole wandelte. Max Schmeling, geboren 1905 in der Uckermark, aufgewachsen in Hamburg, kam 1926 mit den letzten Groschen in die Stadt – zwei Jahre später war er ganz oben. Denn 1928 gewann er im Sportpalast die deutsche Meisterschaft im Schwergewicht nach 15 harten Runden gegen Franz Diener, und die Journalisten kürten ihn euphorisch zum „Sportler des Jahrhunderts“. Auch das Ende von Schmelings Karriere, eine Niederlage in der Waldbühne 1948 gegen den längst vergessenen Richard Vogt, spielte sich in Berlin ab, und einer der späten Höhepunkte seines Lebens sowieso: Im Oktober 1990 gab Bundespräsident Richard von Weizsäcker ihm im Schloss Bellevue einen Empfang zum 85. Geburtstag.

1926, damals schon Deutscher Meister, kam Schmeling aus Köln nach Berlin, 21 Jahre alt, hungrig auf Siege. In der Cauerstraße 35 in Charlottenburg fand er ein möbliertes Zimmer, und die Dinge ließen sich gut an. Der Boxjournalist Arthur Bülow erkannte sein Talent, förderte ihn als Manager und Mentor, und Schmeling konnte sich schon 1927 vom ersten selbsterboxten Geld eine Mietwohnung in der Kleiststraße 10, der heutigen Brentanostraße in Steglitz, leisten. Es ging alsbald weiter steil aufwärts. Die Berliner Prominenz riss sich um den jungen Gladiator, er begegnete Ernst Deutsch, Fritz Kortner, Emil Jannings, und er schaffte es, das Boxen vom Ruf des schlichtgewirkten Brutalsports zu befreien: „Künstler, schenkt mir eure Gunst“, schrieb er ins Gästebuch des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, „Boxen ist doch auch ’ne Kunst!“

1930 zog er in ein standesgemäßes Haus am Sachsenplatz, dem heutigen Brixplatz in Neu-Westend. Feine Nachbarschaft: Dort wohnten Willy Forst und Joachim Ringelnatz, Veit Harlan und, gleich nebenan, eine Nachwuchsschauspielerin namens Anny Ondra, die bisweilen empört vom Balkon auf Schmelings schmutzigen Lancia blickte.

Doch die Empörung hielt nicht lange an. Beide lernten sich in einem Café am damaligen Reichskanzlerplatz kennen, der Boxer schlich sich zu Schäferstündchen über den Hof, und bald hatte eine Zeitung Wind von der Verbindung bekommen und machte sie öffentlich. Im Juni 1933 wurde geheiratet. Die neue, auf den künftigen Familienstand zugeschnittene Wohnung in der Podbielskiallee hatte bereits 13 Zimmer, eine repräsentative Etage, die 1936 anlässlich der Olympischen Spiele in Berlin den Rahmen für einen glanzvollen Sportlerempfang abgab. Hier versteckte Schmeling auch nach der Reichspogromnacht 1938 zwei junge Juden – ein Vorgang, den er immer für sich behielt. Erst 1989 sprach einer der beiden Flüchtlinge darüber.

Das Ehepaar zog ein paar Straßen weiter in eine kleinere Villa. Sie fielen beim Naziregime in Ungnade, Schmeling verbrachte zwei Jahre als Fallschirmjäger in Kreta, seine Frau erhielt nur winzige Filmrollen. Die letzte Kriegszeit verbrachten sie überwiegend auf dem Gut der Familie in Pommern, Schmeling überließ das Berliner Haus dem ausgebombten Generalfeldmarschall Keitel.

Kurz vor Kriegsende kehrte er noch einmal nach Berlin zurück, wo er im Haus des Verlegers John Jahr im Auftrag des Roten Kreuzes gefangene amerikanische Offiziere betreute. Damit endete seine Geschichte als Bewohner Berlins, denn er zog nach Hamburg, in die Stadt, die bis zum Tode seine Heimat werden sollte. Nach Berlin kehrte er erst 1948, bereits 43 Jahre alt, für seinen letzten Kampf zurück und wurde begeistert gefeiert. „In Hamburg habe ich mir ein Häuschen gebaut“, berichtete er, „aber nachdem ich wieder in Berlin war, habe ich große Sehnsucht nach dieser Stadt.“ Er ließ den Berlinern aus diesem Anlass bestellen, sie könnten noch mit ihm rechnen, doch zu einem erneuten Umzug kam es nicht mehr, die geschäftlichen Chancen in Hamburg waren besser.

Dennoch kehrte der Kosmopolit immer wieder an die Spree zurück: „Auch ich bin ein Berliner“ , sagte er einmal. Als Franz Diener, sein einstiger Gegner, 1954 das Lokal „Tattersall“ in der Grolmanstraße übernahm, griff er ihm finanziell unter die Arme, er verfolgte genau die Karriere von Gustav „Bubi“ Scholz, den er als möglichen Nachfolger sah. Immer wieder wurde er hoch geehrt, erhielt auf der Grünen Woche die erstmals vergebene Hermann Löns-Jagdmedaille, später das Große Bundesverdienstkreuz, die Goldene Ehrennadel mit Brillanten des Bundes Deutscher Berufsboxer. Und zuletzt widmete ihm Berlin die Max-Schmeling-Halle, eines der großen sportlichen Zentren der neuen Stadt - zur Eröffnung im Dezember 1996 war er zum letzten Mal in der Stadt.

Auch in der Umgebung Berlins sind noch vereinzelt Spuren des Champions zu finden, die vor allem mit seiner Jagdleidenschaft zu tun haben. In Lanke bei Bernau erinnert man sich noch daran, dass er im Garten des Gasthauses Zimmler trainiert hat, in Bad Saarow besaß er ein Jagdhaus, das längst nicht mehr existiert, und auch in Zauche im Spreewald gibt es noch ein Sumpfgebiet, das Ältere als „Max-Schmeling-Wiese“ kennen – auch dort hat er einmal gejagt.

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