Berlin : Brand im Altenheim: Lebensgefahr wegen offener Türen

Qualm konnte sich ungehindert im Haus ausbreiten Feuerwehr rettete 36 Menschen vor Erstickungstod

Jörn Hasselmann

Von Jörn Hasselmann

Ein kleinerer Wohnungsbrand hätte in einem Reinickendorfer Altenheim beinahe eine Katastrophe ausgelöst. Die Feuerwehr musste 36 alte Menschen retten, die wegen der giftigen Rauchgase in Lebensgefahr schwebten. Im Heim an der Zobeltitzstraße kam es deshalb zu der bedrohlichen Situation, weil die Bewohner nach Angaben der Feuerwehr Brandschutzbestimmungen missachteten: „Fast alle Türen zwischen Treppenhaus und Korridoren standen offen, weil sie festgebunden waren“, sagte Frieder Kircher, Leiter der Feuerwehrdirektion Nord. So konnte sich der Qualm vom Brandort im ersten Stock ungehindert im Haus ausbreiten. Die Bewohner gerieten in Panik. 175 Beamte waren im Einsatz. Mit Drehleitern und durch Gasmasken geschützt wurden die Insassen des Heims ins Freie gebracht. Viele von ihnen sind gehbehindert oder sitzen im Rollstuhl. 25 Menschen erlitten Rauchvergiftungen.

Gegen 19 Uhr war bei einer 76-jährigen Frau der Fernseher in Brand geraten. Das Feuer mit einer Decke zu ersticken, gelang ihr nicht. Schnell stand die Einrichtung in Flammen. Das Heim gehört der Wohnungsbaugesellschaft „Wir“, der Bezirk Reinickendorf ist Generalmieter. „Wir geben das Haus am 30. September zurück“, kündigte Sozialstadtrat Frank Balzer gestern an – wegen des hohen Leerstandes. Das Haus sei seit mehr als 30 Jahren ein Seniorenheim, sagte Balzer. Baurechtlich habe es keine Beanstandungen gegeben. „Einige Einwohner haben durch das Festbinden der Türen alle in Gefahr gebracht“, sagte Balzer. „Wir“-Sprecher Volker Hartig teilte mit: „Alle gesetzlichen Vorschriften wurden eingehalten.“ Eine freiwillige Ausstattung mit Rauchmeldern sei nicht geplant.

Dabei trifft es besonders häufig Senioren. „Mehr als die Hälfte aller Brandtoten sind alte Menschen“, sagte Branddirektor Kircher. In den vergangenen fünf Jahren hat es etwa zehn Tote in Altenheimen gegeben. Kircher ist berlinweit für die Sicherheit von Altenheimen und Krankenhäusern zuständig und kennt das Problem mit offen stehenden Brand- und Rauchschutztüren. Wer im Rollstuhl sitzt oder eine Gehhilfe benötige, könne die schweren Türen nicht alleine öffnen. Die Bewohner hielten die Ausgänge deshalb oft mit Keilen oder Stricken offen. Im Oktober 2003 war in einer Tiergartener Seniorenwohnanlage ein Rentner ums Leben gekommen – auch dort waren alle Brandschutztüren mit Keilen offen gehalten worden, der Rauch konnte durch den ganzen Komplex ziehen. Das Haus gehörte ebenfalls der „Wir“.

Die Feuerwehr forderte gestern erneut, in Altenheimen Automatiktüren einzubauen, die Behinderte per Knopfdruck öffnen können. Möglich seien auch spezielle Brandschutztüren, die bei Feueralarm automatisch schließen. Zudem sollten in allen Appartements Rauchmelder eingebaut werden. Beides ist in Seniorenwohnanlagen bislang nicht vorgeschrieben, da diese als Wohnhäuser gelten. In der Zobeltitzstraße hatten sich nur wenige Rentner einen Melder selbst eingebaut. In drei Bundesländern ist dies in Neubauten Vorschrift, in Berlin nicht.

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