Brand in Berlin : Wissenschaftler: In Panik versteht man nur die Muttersprache

Berlin (09.08.2005, 16:27 Uhr) - Die Berliner Brandkatastrophe hätte nach Einschätzung des Berliner Erziehungswissenschaftlers Gerd Hoff auch bei besseren Deutschkenntnissen der ausländischen Hausbewohner nicht verhindert werden können. «Menschen, die in Angst- und Paniksituationen handeln, können nur in ihrer Muttersprache kommunizieren», sagte Hoff, Experte für interkulturelles Lernen, in einem dpa-Gespräch am Dienstag.

Bei dem Brand in einem Berlin Wohnhaus waren in der Nacht zum Dienstag acht Menschen ums Leben gekommen. Mitverantwortlich für die hohe Zahl der Opfer waren nach Einschätzung der Feuerwehr Sprachprobleme der Bewohner, die die Anweisungen der Feuerwehrleute nicht verstanden hätten.

Die Forderung, Ausländer zu Deutschkursen zu verpflichten, könnten Katastrophen dieser Art nicht verhindern, betonte Hoff. Überlegenswert wäre lediglich, ob Polizei und Feuerwehr für die am häufigsten vorkommenden Minderheitensprachen in Berlin stets Dolmetscher oder Bänder mit stereotypen Ansagen bereit hielten.

«Bei Angst und Panik muss man Menschen sehr klar und deutlich ansprechen, damit etwas durchdringt», erläuterte der Berliner Psychologe Wilfried Vogelbusch. «Bei Ausländern ist das sicher schwieriger». Zu der Panik vor dem Feuer könne auch noch die Angst vor der Konfrontation mit deutschen Behörden und Institutionen gekommen sein. «Das verstärkt dann das Ohnmachtsgefühl.»

Grundsätzlich seien Menschen auch in Panikzuständen durch Ansprache erreichbar. Helfer müssten aber damit rechnen, dass auch Erwachsene wie Kinder reagierten und das Gehirn praktisch ausgeschaltet sei. Denn bei Panik werde auch beim Menschen ein archaisches Notfallprogramm aktiviert: Es löst Flucht, Kampf oder apathische Starre aus.

In der Psychologie gebe es berühmte Fälle, die belegen, dass Menschen in Ausnahmesituationen nur in ihrer Muttersprache reagieren, berichtete Hoff. Geheimdienste hätten mutmaßliche ausländische Agenten zum Beispiel abrupt aus dem Tiefschlaf geweckt, um eine Panikattacke zu provozieren. «Nur in diesen entscheidenden Schrecksekunden redeten sie in ihrer Muttersprache», sagte Hoff. «Sonst waren sie so gut geschult, dass sie sich auch in extrem alkoholisierten Zustand nicht durch sprachliche Auffälligkeiten verrieten.» (tso)

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