Brandanschläge : Eine surreale Atmosphäre von Bürgerkrieg

Die Berliner Polizei sperrt Straßen ab und kontrolliert verdächtige Personen. Doch die Brandstifter sind schnell. Also sollen die Bürger helfen, findet die Politik. Schließlich ist Wahlkampf.

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Vor allem 2011 haben in Berlin immer wieder Autos gebrannt. Im November hat die Polizei zwei mutmaßliche Brandstifter festgenommen, die durch ihre Zündeleien eine heftige Explosion ausgelöst haben sollen. Neue Aufmerksamkeit erfahren die Autobrände nun, weil die Berliner Polizei bei einem Fall flächendeckend Handy-Daten ausgewertet hat.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
04.11.2011 20:21Vor allem 2011 haben in Berlin immer wieder Autos gebrannt. Im November hat die Polizei zwei mutmaßliche Brandstifter...

Als der Mann mit der Fernsehkamera am Tatort eintrifft, sind die Polizisten auch schon da, danach kommen noch ein paar Fotografen, aber als Erster war Ben da. Ben ist Mitte 30, er trägt das blonde Haar gescheitelt, dazu Polohemd, Siegelring und eine Gießkanne. Es ist ein giftgrünes Modell aus Kunststoff und an den Rändern ein bisschen mit Ruß verschmiert, Spuren des Kampfes mit den Flammen. Ben hat ihn gerade gewonnen. Er zieht an einer Zigarette, was nicht ganz passt zu seiner Rolle als Brandlöscher, aber auch nicht weiter auffällt im dichten Qualm, der ihn umgibt und von dem Auto ein paar Meter weiter stammt. Der Mann mit der Kamera will ein Interview, aber Ben will nicht mehr verraten als seinen Vornamen und dass er gerade einen brennenden Autoreifen gelöscht hat. Dann hetzt der Mann mit der Kamera auch schon weiter zum nächsten Brandort, die Polizisten friemeln dunkle Beweisstückchen in durchsichtige Tütchen, und Ben sagt zu einem Bekannten: „Cool, ich bin jetzt im Fernsehen!“

Auf diese Weise beginnt in der Nacht zu Donnerstag das Projekt Bürger jagen Brandstifter, mit dem Klaus Wowereit den Autozündlern endlich beikommen will. In einer Stadt mit 1,2 Millionen zugelassenen Autos und einem mehrere tausend Kilometer langen Straßennetz könne die Polizei nun mal nicht überall gleichzeitig präsent sein, sagt der Regierende Bürgermeister und dass „die Berlinerinnen und Berliner“ doch bitte ein waches Auge haben sollten auf das, was da nächtens vor ihren Häusern passiert.

Das Charlottenburger Ufer ist eine ruhige Wohnstraße, idyllisch gelegen an der Spree zwischen Schloss- und Caprivibrücke. Keine Kneipen, kaum Publikum nach Einsetzen der Dunkelheit. Aber es ist eine laue Nacht, viele Fenster stehen offen und der Anwohner Ben bemerkt schnell den Geruch von brennendem Gummi. Also greift er zur Gießkanne und hastet zu dem dunklen Audi, über dessen linkem Vorderreifen schwarzer Qualm nach oben steigt. Der Reifen ist schnell gelöscht, aber der Qualm steht noch lange in der Luft. Der Audi parkt vor einem Schild, das zum Schutz der Grünanlagen aufruft.

Stehen hier bald andere Schilder? Solche, die zum Schutz von Audis, BMWs und Mercedesen bitten?

Ein Polizeiauto bleibt am Tatort, ein anderes hetzt weiter. Die Beamten haben es nicht weit. Links in die Lohmeyerstraße, einmal um den Block rum zur Eosanderstraße. Hier brennen gleich drei Autos. Ein Ford, zwei BMW. Charlottenburg leuchtet gespenstisch.

Warum eigentlich Charlottenburg?

Wissen wir auch nicht, sagen die Ermittler.

Als vor zwei Jahren in Prenzlauer Berg und Kreuzberg die Autos brannten, feierte die militante Linke dies als ein Signal gegen die Gentrifizierung, als Sieg des Prekariats gegen wohlhabende Zuzügler. Rund um den Charlottenburger Spreebogen gibt es weder Prekariat noch Kapital. Mittelneue Mittelklassewagen stehen am Charlottenburger Ufer und in der Eosanderstraße. Wer kämpft hier gegen wen und warum? Kämpft hier überhaupt jemand oder lebt hier nur eine erlebnishungrige Generation ihre durchgeknallten Fantasien aus?

Lesen Sie auf Seite zwei, warum ein Fotograf einen BMX-Fahrer in Verdacht sieht.

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