Berlin : Brandanschlag im Kneipenviertel

„Die Aufgeweckten“ kämpfen gegen nächtlichen Lärm aus Biergärten. Jetzt zündeten Unbekannte das Auto eines Mitglieds an

Jörn Hasselmann

Der Streit um Kneipenlärm in Friedrichshain geht in eine neue Biergartensaison – begleitet vom Vorwurf krimineller Methoden. Unbekannte haben am Mittwoch früh um 4 Uhr einen VW Passat angezündet. Das Auto gehört einem Mitglied der Bürgerinitiative „Die Aufgeweckten“, die hartnäckig für eine Sperrstunde in den Biergärten des Szeneviertels kämpft. „Das Auto ist nicht aus Zufall angezündet worden“, behauptet ein Mitglied der „Aufgeweckten“, denn zur gleichen Zeit wurde bei einem Motorrad, das derselben Familie gehört, der Benzinschlauch vom Vergaser abgezogen. Das Motorrad stand ebenfalls auf dem mit einem Stahltor verschlossenen Parkplatz in dem Hof an der Kopernikusstraße: „Da kommt man nicht durch Zufall hin.“ Als weiteres Indiz für einen gezielten Anschlag werten die „Aufgeweckten“, dass die Frau, der das Auto gehört, am Sonnabend erstmals in der SFB-„Abendschau“ die Position der Anwohner vertreten hat. Auch der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, wertete die gleichzeitige Beschädigung des Motorrades als „Hinweis auf einen gezielten Anschlag“. „Wenn die Wirte beteiligt wären, wäre das eine unglaubliche Eskalation des Streits“, sagte Schulz. Die Polizei hat bisher keine Spur. Unklar sei noch, ob aus dem Motorrad Benzin für den Anschlag abgezapft wurde.

Im Streit um den Kneipenlärm geht es um Millionen-Umsätze. Denn das Viertel um Boxhagener Platz und Simon-Dach-Straße hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der beliebtesten Vergnügungsziele der Stadt entwickelt. In warmen Nächten sei der Lärm der 110 Kneipen mit 3500 Außenplätzen unerträglich, klagen die Anwohner. Spitzenpegel ergaben um Mitternacht Werte, wie sie sonst nur in Fabrikhallen vorkommen, heißt es bei den kritischen Nachbarn, die sich deshalb die „Aufgeweckten“ nennen.

Die Kneipenbesitzer wiederum haben im vergangenen Jahr als „Wirte für Friedrichshain“ Unterschriften für längere Ausschankzeiten gesammelt. In diesem Jahr gelten in dem Karree verschiedene Schlusszeiten: Am Boxhagener Platz müssen die Vorgärten um 23 Uhr geräumt werden (am Wochenende um 24 Uhr), dies haben die Wirte mit den Anliegern vereinbart. An der Sonntagstraße und der Niederbarnimstraße gilt „open end“, da die Mieter nichts gegen den Lärm auszusetzen hatten, wie Baustadtrat Franz Schulz gestern sagte. In der Simon-Dach-Straße dagegen haben sich die Lärmgegner durchgesetzt, dort müssen die Gastwirte um 22 Uhr die Gäste nach drinnen bitten. Dies hatte das Verwaltungsgericht im September festgelegt. Wie Schulz weiter sagte, hätten jetzt zwar vier der 20 Kneipen in der Simon-Dach-Straße eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um länger öffnen zu können. Die Anträge seien aber vom Bezirksamt abgelehnt worden, obwohl die Wirte angekündigt hatten, die Zahl der Freiluftplätze zu reduzieren. Mitte April haben „Die Aufgeweckten“ zudem Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht, um bei den 17 Kneipen am Boxhagener Platz die 23/24-Uhr Schließzeit zu kippen. Mit einer Entscheidung des Gerichts rechnet die Initiative in der kommenden Woche. Ende März hatte das Amtsgericht Lichtenberg einer Mieterin, die direkt über einer Kneipe wohnt, eine Mietminderung von 25 Prozent zugesprochen – für die Initiative ein wegweisendes Urteil, mit dem zugleich der zu hohe Lärmpegel bestätigt wurde.

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