Brandanschlag in Friedrichshain : "Ohne Vollkasko kann man hier kein Auto halten"

Es knallt und stinkt, zwei Autos brennen. Alltag in Bezirken wie Kreuzberg oder Friedrichshain, wo einige Bewohner mit solchen Aktionen die Verhältnisse ändern wollen: Gegen teure Autos, gegen Touristen und gegen höhere Mieten.

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Ausgebrannter BMW neben ausgebranntem Opel-Kastenwagen.
Ausgebrannter BMW neben ausgebranntem Opel-Kastenwagen.Foto: Henning Onken

Ein Knall weckt die Bewohner der Rigaer Straße in Friedrichshain um 6.30 Uhr. Die Häuserfront gegenüber reflektiert Feuerschein, vor dem Fenster steigt dichter Rauch auf. Es stinkt gewaltig, trotz geschlossener Fenster in der vierten Etage. Panik. Hat die verrückte Nachbarin mit Gas gespielt und das Haus in Brand gesteckt?

Ein kurzer Blick aus dem Fenster verrät, dass auf der Straße an der Ecke Liebigstraße Autos brennen. "Machen Sie die Fenster zu!", ruft ein Polizist Anwohnern zu, deren verschlafene Gesichter sich langsam hinter den Vorhängen zeigen. Ein Mann im Morgenmantel trotzt dem Chaos, tritt auf den Balkon und macht Fotos. Zehn Minuten später ist die Feuerwehr da, die Polizei hat die Straße abgesperrt.

"No Peace" und ein "Rock'n-Roll-Kindertagesstätte" im Hintergrund.
"No Peace" und ein "Rock'n-Roll-Kindertagesstätte" im Hintergrund.Foto: Henning Onken

Nach einer halben Stunde kokeln vor dem Haus die Reste von zwei Autos vor sich hin. Mehrere Polizisten und ein Hausmeister stehen untätig herum, Passanten zücken ihre Handyknipsen. Zwei Grundschüler bleiben fast begeistert stehen und begutachten die Autos von allen Seiten, ehe sie wegen der giftig rauchenden Polster und Airbags zum Weitergehen ermahnt werden.

"In einer Woche wollten wir wegziehen"

Der Brandanschlag - sofern es einer war - galt einem eleganten BMW mit Münchner Kennzeichen, von dem nur der Kofferraum keine Flammen fing. Doch das Feuer sprang über auf einen alten Kastenwagen der Marke Opel. Dessen Besitzerin steht fassungslos neben ihrer ausgebrannten Familienkutsche. "In einer Woche wollten wir wegziehen", erzählt die Mutter zweier Kinder. Nach Lichtenberg. Nicht weil es ihnen hier nicht gefiele, sondern weil die neue Bleibe einen Garten biete, in dem der Nachwuchs im Kindergartenalter spielen kann. Und nun hat man ihr kurz vor dem Umzug das Auto abgefackelt.

Zwei Stunden nach dem Brand wird der BMW abgeholt. Zurück bleibt eine Öllache.
Zwei Stunden nach dem Brand wird der BMW abgeholt. Zurück bleibt eine Öllache.Foto: Henning Onken

Auch der Fahrer des Luxuswagens ist nun vor Ort und begutachtet gefasst den Schaden. "In so einer Gegend kann man kein Auto ohne Vollkasko-Schutz halten", erzählt die langjährige Anwohnerin und wirkt etwas erleichtert. Die Versicherung ersetzt der Familie den Zeitwert des Autos. Das bedeutet nicht viel Geld, und wahrscheinlich liegen die Wiederbeschaffungskosten für einen gleichwertigen Gebrauchtwagen darüber.

Der zwölfte Brandanschlag in diesem Jahr

Die Zahl der Brandanschläge auf Autos hatte im vergangenen Jahr deutlich abgenommen. Aus politischen Motiven angezündet wurden 44 Wagen, im Jahr 2009 zählte die Polizei noch 100 Brandanschläge mehr. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden bis gestern elf Autos angesteckt und drei in Mitleidenschaft gezogen.

Im Dezember vergangenen Jahres war in der linksautonomen Zeitschrift "Interim" der "Vorschlag zu einer Antitourismus-Kampagne" erschienen. Dessen Motto lautete "Autos anzünden, Hotels einwerfen, Müll verursachen, Touribusse bewerfen".

Der Fahrer des Luxuswagens kannte vermutlich diese Zusammenhänge nicht, sonst hätte er den Wagen zumindest in der Nacht woanders geparkt. An diese ungeschriebene Regel halten sich eigentlich alle Bewohner der Rigaer Straße. Selbst Bewohner von teuren und frisch sanierten Loftwohnungen, denen man höhere Einkommen zutraut, fahren offenbar bescheidene Autos.

Um 10:30 Uhr verschwinden die Spuren dieses zwölften wahrscheinlich politisch motivierten Brandanschlags in diesem Jahr. Ein Abschleppwagen zieht den verkohlten BMW auf die Ladefläche. Zurück bleibt eine Öllache.

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