Brandenburg erleben: Von Lenzen nach Wittenberge : Wo die Störche klappern

In der Burg Lenzen, an Deutschlands beliebtestem Radfernwanderweg gelegen, kann man viel über die Flusslandschaft Elbe lernen. Wo einst der DDR-Grenzstreifen verlief, ist heute der Schutzraum für mehr als 1000 gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Lars Laute
Einfach mal raus aus der Stadt.
Einfach mal raus aus der Stadt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Man stelle sich vor, Gijsels van Lier wäre im Jahr 2016 nach Berlin gekommen. Als der Niederländer 1653, kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, Amtsmann von Lenzen an der Elbe wird, klagt er in einem Brief an seinen Dienstherrn, den Preußischen Kurfürsten, über die rohen Sitten der Lenzener Bürger. Selbst den Sonntag, „da er sollte gefeyert und geheiliget werden“, würden die Lenzener „zum überflüssigen Saufen und Schwelgen“ nutzen, wodurch so manche „Ungelegenheiten und Schlegerey entstehet“. Auszüge des Briefs zieren die Bronzetafeln an der Burg Lenzen.

Die Burg mit dem 28 Meter hohen Turm ist seit 2003 ein Museum und Besucherzentrum des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Drei Ausstellungen informieren über die Geschichte der Naturlandschaft, der Stadt Lenzen und der Burg. Im barocken Hauptgebäude aus dem 18. Jahrhundert befindet sich zudem ein Hotel mit Restaurant.

Was heute sehr ansehnlich ausschaut, ist das Ergebnis einer umfangreichen Sanierung. Unter anderem mussten der Burgturm und das Hauptgebäude um 60 Zentimeter angehoben werden, weil sie durch Grundwasserabsenkungen in Schieflage geraten waren. Nach dem Mauerfall war die Burganlage, die in der DDR als Altenheim diente, wieder an den letzten Besitzer gegangen, die Architektenfamilie Renner, die 1953 nach West-Berlin geflohen war. Unter der Auflage, hier ein Umwelt-Bildungszentrum einzurichten, wurde die Burg 1993 dem BUND geschenkt. Hintergrund hierfür waren die Planungen für das nahe gelegene Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe, das 1997 offiziell von der Unesco anerkannt wurde.

Über 1000 gefährdete Tier- und Pflanzenarten

Informiert wird in der Ausstellung über die Geschichte der Schifffahrt und der Fischerei in der Prignitz und über den Hochwasserschutz in der häufig von Flutkatastrophen betroffenen Region. So nahm man Anfang der Nullerjahre, direkt vor den Toren von Lenzen, mit dem Naturschutzgroßprojekt Lenzener Elbtalaue die größte Deichrückverlegung der Bundesrepublik in Angriff. Durch die Ausdehnung des Überflutungsbereichs erhält die Elbe mehr Raum, um einen besseren Schutz vor Hochwasser zu gewährleisten. Gleichzeitig sollen hierdurch rund 350 Hektar Auwaldfläche wiederhergestellt werden, die in den letzten Jahrhunderten zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung zurückgedrängt wurden.

Vom Burgturm aus reicht der Blick bis zur Elbe – begleitet vom Klappern der Prignitzer Störche. Dieser Ausblick war bis 1989 den DDR-Bürgern verwehrt, denn wo heute Deutschlands beliebtester Fernradweg entlangführt, war damals Sperrgebiet. Heute leben im früheren Grenzstreifen über 1000 gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Die Ausstellung erzählt vom Wandel des „Todesstreifens zur Lebenslinie“ und erinnert an die Schicksale von Menschen, die im DDR-Sperrgebiet lebten und zum Teil durch Zwangsaussiedlungen ihre Heimatorte verlassen mussten – was auch Bürger der Stadt Lenzen betraf.

Radtour: Von Lenzen nach Wittenberge
Einfach mal raus aus der Stadt.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Kitty Kleist-Heinrich
05.06.2016 19:35Einfach mal raus aus der Stadt.

Unter der Kuppel des Burgturms kann der Besucher einen virtuellen Rundflug auf dem Rücken einer Wildgans über die Dächer von Lenzen machen. Auf den ganz realen Beinen geht es anschließend in die Fachwerkscheune, heute das Heimatmuseum der Stadt. Ein großes Diorama mit Zinnfiguren erinnert an die „Schlacht um Lenzen“ von 929, dem Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung Lenzens. In dem Kampf standen die Truppen von Heinrich I. slawischen Stämmen gegenüber, die sich im 8. Jahrhundert an der Elbe niederließen und an der Stelle der heutigen Burg Lenzen eine Befestigungsanlage errichtet hatten, die „Slawische Königsburg Lunkini“. Aus der „Schlacht um Lenzen“ gingen die Truppen von Heinrich I. zwar siegreich hervor, doch blieb die Königsburg nur bis zum Slawenaufstand von 983 unter sächsisch-deutscher Vorherrschaft.

Lenzen zeigt sich als beschauliches Städtchen

Kaum weniger blutig ging es auch in den folgenden Jahrhunderten zu. 1066 erschlugen heidnisch gebliebene Stammesgenossen in der Lenzener Kirche den Slawenfürst Gottschalk, nachdem dieser in Lenzen ein christliches Stift errichtet hatte, einen Priester opferte man gar auf dem Altar den heidnischen Göttern.

Mit dem Wendenkreuzzug ging 1147 die slawische Vorherrschaft in der Region zu Ende, Lenzen gelangte in den Besitz deutscher Adelsfamilien, und die Christianisierung schritt voran. In dieser Zeit an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert wurde auch der noch heute stehende Burgturm errichtet. Im Mittelalter wechselte die Burg häufig ihren Besitzer, bevor sie während des Dreißigjährigen Kriegs schwer beschädigt wurde – ebenso wie die Stadt Lenzen, in der schwedische Truppen 1646 brandschatzten. Nach dem Ende des Krieges entwickelte sich Lenzen unter dem Amtsmann Gijsels van Lier zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt zwischen Mecklenburg, Hannover und Brandenburg, bevor die Stadt 1703 erneut von einer schweren Feuersbrunst zerstört wurde.

Beim Wiederaufbau der Stadt scheinen sich die Lenzener die Worte von Gijsels van Lier zu Herzen genommen zu haben: Eine weitere Bronzetafel auf dem Burgvorplatz zitiert dessen Wunsch, man möge „ohnbeschwerdt jemand deputieren, der die Aufsicht über den Häuserbau“ in der Stadt führt, „damit die Häuser nicht so schendtlich, wie an etzlichen Orten dieses Städtleins geschehen, hinfüro gebauet werden, zumahl ihnen solches selbst zum Schimpf und Schande der Durchreisenden gereichet.“

Dem heutigen Durchreisenden jedenfalls zeigt sich Lenzen als beschauliches Städtchen, in dem es deutlich geordneter zuzugehen scheint als in den vergangenen elf Jahrhunderten – wenngleich die Häuser auch heute noch nicht überall „fein gleichförmig und proportionaliter stehen“, wie es nach Gijsels van Lier „eines Städtleins bester Zierrath ist“. Aber vielleicht macht ja auch gerade das den Charme der kleinen Stadt aus.

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