Brandenburg/Havel : Stasi wollte SPD-Oberbürgermeisterkandidaten als Spitzel anwerben

Ging die Zusammenarbeit von Norbert Langerwisch mit dem DDR-Geheimdienst über den beruflichen Kontakt hinaus? Ein Inoffizieller Mitarbeiter war der SPD-Kandidat nicht - eine Flasche Weinbrand gab's von der Stasi "zum Dank für die Unterstützung" trotzdem.

von
Norbert Langerwisch, SPD-Oberbürgermeisterkandidat in Brandenburg/Havel
Norbert Langerwisch, SPD-Oberbürgermeisterkandidat in Brandenburg/HavelFoto: dapd

Brandenburg/Havel - Selbst SPD-Landeschef Matthias Platzeck hatte auf einen unbelasteten Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 11. September in Brandenburg/Havel, früher Hochburg der Sozialdemokraten und heute von der CDU-Rathauschefin Dietlind Tiemann geführt, gedrängt. Mit Weitblick. Es ist auch der Wahlkreis von Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier, heute Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Jetzt hat die Stasi-Unterlagenbehörde eine Akte zum SPD-Kandidaten Norbert Langerwisch (59) herausgegeben, die die Anwerbungsversuche als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) dokumentiert. Aus der Unions-Bundestagsfraktion und der Landes-CDU wurden Forderungen laut, Platzeck müsse gegen „Stasi-Seilschaften“ vorgehen und Langerwischs Kandidatur verhindern.

Zwar ist Langerwisch nie IM des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) geworden, allerdings stellten die Verbindungsoffiziere im August 1989 bei ihm „eine feste Klassenposition“ fest. Der IM-Kandidat, Deckname „Zentrum“, habe „keine Vorbehalte“, sich hinter dem Rücken seines Chefs „zu Interna zu äußern“ und „sofort und ohne Zögern die Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit“ geäußert.

Zu einer Verpflichtung kam es nie, weil Langerwisch von der Potsdamer Bezirks-Volkspolizei als Polizeichef nach Brandenburg/Havel ging und als solcher mit dem Geheimdienst zusammenarbeiten musste. Allerdings hat der SPD-Kandidat in den Gesprächen auf Nachfrage über einen Kollegen berichtet, der „sehr dem Alkohol“ zuspreche. Auch soll er einen Familienangehörigen mit Westkontakten erwähnt haben. Experten der Stasi-Unterlagenbehörden sprechen von klaren Hinweisen, dass Langerwisch deshalb nach dem Gesetz als IM der Staatssicherheit gilt. Langerwisch sagte, er habe nur beruflichen Kontakt zur Stasi gehabt. „Über den privaten Bereich habe ich nichts berichtet“, erklärte der SPD-Politiker. „Ich bin nicht nach einer inoffiziellen Zusammenarbeit gefragt worden.“ Es wäre vermessen zu sagen, dass er als ranghoher Volkspolizist keine Kontakte gehabt habe. „Ich bin aber von Anfang an seit 1990 offen damit umgegangen.“ Er könne nichts dafür, was ein Stasi-Offizier über ihn aufgeschrieben habe. Dass die Stasi ihm eine Flasche Weinbrand im Wert von 48 DDR- Mark schenkte, laut Aktenvermerk und einer Quittung „als Dank für die Unterstützung des MfS über den 40. Jahrestag der DDR“, schloss Langerwisch nicht aus. Dies sei durchaus üblich gewesen.

Rückendeckung bekam er vom SPD- Landtagsfraktionschef Ralf Holzschuher, der dem SPD-Unterbezirk Brandenburg/Havel vorsitzt. Das sei kein neuer Vorgang, sagte er. Seit 1991 sei bekannt, dass es bei der Stasi einen Vorlauf zu Langerwisch gab und dieser als leitender Volkspolizist offizielle Kontakte unterhielt. Erst vergangene Woche stellte eine Prüfkommission der Brandenburger Stadtverordneten fest, dass kein Parlamentarier Stasi-Mitarbeiter war, auch nicht SPD- Fraktionschef Langerwisch, dem selbst die Stasi-Beauftragte des Landes, Ulrike Poppe, nichts vorgeworfen hatte.

Für die Oberbürgermeisterkandidatin der Grünen, Martina Marx, zeigen die neuen Fakten, dass „Langerwisch wie viele andere systemtreue SED-Kader nicht in der Lage ist, die eigene Vergangenheit vorbehaltlos offenzulegen“. Der Politiker war nach der Wiedervereinigung Polizeichef der Stadt und bis 2005 Vize-Bürgermeister. In den Polizeidienst des Landes klagte sich Langerwisch, der wegen der Affäre um einen Drogendealer suspendiert worden war, zurück. Er ist seit 2009 wieder im Dienst. Er will nun Akteneinsicht beantragen und seine Unterlagen dem Innenministerium zur Prüfung übergeben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar