Brandenburg : Heraus aus dem modernen Alltag

Was ist schöner als Wandern? Ein Ausritt über Land. Auf dem Rücken der Pferde wird man schnell eins mit der Natur, dem Wald und den Rehen ganz nah.

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MEin Ausflug heraus aus dem modernen Alltag: Unsere Autorin Ariane Bemmer (Mitte) beim Ausritt.
MEin Ausflug heraus aus dem modernen Alltag: Unsere Autorin Ariane Bemmer (Mitte) beim Ausritt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ein Fahrrad macht so etwas nicht, ein Motorrad auch nicht, kein Auto, kein Paddelboot und auch keine Draisine – kein Fortbewegungsbehelf würde je auf den Menschen reagieren, ihn anstupsen etwa oder an der Jacke schnuppern, ob vielleicht etwas Gutes dort herausriecht, oder die Ohren in seine Richtung spitzen. Aber Pferde, die machen das. Sogar die, die wie Fahrräder, Motorräder oder Draisinen von jedermann jederzeit ausgeliehen werden können. Das macht Ausflüge mit ihnen so besonders. Sie haben das Zeug, einem ans Herz zu gehen. Das ist nach dem Ausritt auf Leo Lee nicht anders.

Aber von Anfang an: Als wir zum verabredeten Zeitpunkt auf dem Hof Waldkante ankommen, haben wir erst Berlin Richtung Nordosten verlassen, dann auch die Landstraße Richtung Altlandsberg und dann überhaupt jeden Asphalt. Über breite Landwirtschaftswege sind wir an Kuh- und Pferdeweiden vorbeigekommen und haben uns einem Wäldchen genähert, an dessen Rand sich der Hof erstreckt, woher er seinen Namen hat. Wir steigen aus, junge Hunde hüpfen uns um die Beine, der Himmel ist hoch, der Horizont weit und die Stadt vergessen.

Wir bekommen zwei Pferde zugeteilt, die wir putzen und satteln sollen.

Ich kriege Leo Lee, ein englisches Vollblut. Oje, ein Vollblut, denke ich. Das sind doch diese Rennpferde, die Tempo 60 erreichen. Und auf so einem soll ich jetzt einen Ausritt machen? Hätte ich bloß nicht gesagt, dass ich öfter reiten gehe. Neidisch schaue ich zu der Mitreiterin, die den alten, braven Amadeus hat.

Links und rechts stehen die Bäume dicht an dicht

Jutta Thomas lacht, als sie mein Gesicht sieht. Leo Lee sei ganz artig, sagt sie. Aber das beruhigt mich nicht. Was soll sie sonst auch sagen? Jutta Thomas managt den Ausreitbetrieb, ihr gehört der große Hof mit Reithalle und Reitplatz, auf dem neben den Mietpferden auch viele Privatpferde stehen, und sie wirkt mit ihrem langen, blonden Pferdeschwanz und der ruhigen, aber zupackenden Art auch genau so, wie man sich eine Frau mit Pferdehof vorstellt.

Redakteurin Ariane Bemmer, begeisterte Hobby-Reiterin, putzt Leo Lee vorm Ausreiten und testet, ob die Stute Humor hat.
Redakteurin Ariane Bemmer, begeisterte Hobby-Reiterin, putzt Leo Lee vorm Ausreiten und testet, ob die Stute Humor hat.Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Als wir die Matschkrusten von den Pferden gekratzt, den Sattel aufgelegt und die Trense am Kopf montiert haben, sollen wir erst noch mal auf dem Platz ein paar Runden reiten. Jutta Thomas will sehen, ob auch niemand zu viel über seine Reitkünste erzählt hat. Alle bestehen den Test – und dann geht es los. Runter vom Hof, rein in den Wald, zuerst auf einen Forstweg. Die Pferde gehen im gemächlichen Schritt, manchmal schnauben sie.

Das wirkt, als würden sie ebenso tief durchatmen wie wir oben im Sattel. Links und rechts stehen die Bäume dicht an dicht. Der Boden ist mit Farnen bewachsen, die Erde bemoost. Bald verlassen wir den breiten Weg und schlängeln uns durchs Unterholz. Immer Jutta Thomas hinterher, die sich auskennt wie ein Trapper. Wir folgen Trampelpfaden, die sich um Tannen herumschlängeln, um herausgerissenes Wurzelgeäst, manchmal liegt ein Baum quer über dem Pfad, manchmal reißen Äste an unseren Jacken.

Das Licht ist grün hier, so dicht ist der Wald, und es riecht kühl und frisch. Das Pferd unter einem ist schon fast normal geworden, es ist, als wachse man in seinen Bewegungsmodus hinein: Geht es eine Steigung hoch, lehnen wir uns nach vorn, geht es wieder runter, lehnen wir uns nach hinten. Wir klopfen immer mal seinen Hals als Zeichen der Dankbarkeit.

Wo wir sind, wissen wir Mietreiter schon längst nicht mehr

Im Wald erreichen wir eine Lichtung. Plötzlich Himmel über einem. Und da, ein Reh. Vor Reitern laufen Rehe nicht weg. Sie scheinen die Menschen auf den Pferden nicht wahrzunehmen, sie bemerken nur die Tiere, vor denen sie keine Angst haben. So kann man ihnen auf einem Pferd manchmal ganz nah kommen. Hops! Nun ist es doch weg. In ein paar großen Sprüngen wieder im Wald verschwunden.

Über die Wiese reiten wir nebeneinander. Jutta Thomas erzählt, dass sie den Hof mit ihrem zweiten Lebenspartner und ihrer Teenager-Tochter bewohnt. Dass sie zu DDR-Zeiten gern Försterin geworden wäre, aber dafür zu klein gewesen sei, wie sie dann nach der Wende auf Immobilienmaklerin umgeschult hat – und bei ihrer Immobiliensuche zufällig den Hof entdeckte. Und da plötzlich eine Idee hatte, wie ihr Leben auch weitergehen könnte.

Nach der Lichtung sind wir zurück im Wald, der hier lichter ist. Der Weg wird sandig und verschluckt die Geräusche der Hufe. Still ist es aber nicht, die hohen dünnen Bäume quietschen im Wind. Ein seltsames Geräusch. Am Wegesrand türmen sich in Abständen abgesägte Baumstämme. Die dunklen Schatten wirken auf die Pferde irgendwie bedrohlich. Sie sehen nicht wie Menschen, sie sehen schemenhafter und mit jedem Auge ja auch etwas anderes. Vielleicht denken sie, dass da ein riesiges Wildschwein lauert. Pferde mögen keine Wildschweine, sie mögen überhaupt keine Schweine.

Reiterhof Kühne-Sironski in Alt-Lübars
Der Reiterhof der Familie Kühne-Sironski - überall stehen BlumenAlle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Kitty Kleist-Heinrich
15.08.2015 18:41Der Reiterhof der Familie Kühne-Sironski - überall stehen Blumen

Wo wir sind, wissen wir Mietreiter schon längst nicht mehr. Der Ritt ging kreuz und quer, so empfinden wir es, und immerzu verändert sich die Umgebung. Jetzt erreichen wir ein Feld, an dem wir entlangreiten. Dahinter sieht man einen Hof. Entfernte Nachbarn vom Hof Waldkante. Es gibt dort auch Pferde. Wie fast überall – weshalb die ganze Gegend ein Prärie- und Wildwest-Flair ausstrahlt, so dass man sich nach einer Stunde im Sattel eher über eine Landstraße am Horizont wundert als über Hufabdrücke auf dem Boden. Jutta Thomas zeigt nach Osten und sagt, man könne im Grunde jetzt bis Polen durchreiten.

Hinter Altlandsberg kommt keine Autobahn mehr, die man nicht queren könnte. In Brandenburg darf man fast überall reiten. Das Land hat sich nach der Wende eines der liberalsten Reitwegerechte gegönnt. Davon profitiert der Reittourismus, es gibt unzählige Reiterhöfe. Und schon kommen uns zwei Reiterinnen entgegen. Man passiert einander im Schritt, das gebietet die Reitersitte.

Die Betriebe um Altlandsberg haben ein unterschiedliches Profil, sodass man sich nicht ins Gehege kommt. Manchmal ist es purer Zufall, wenn Ausreiter Jutta Thomas und ihren Hof aus der Vielzahl der Angebote im Internet herausfischen. Die Waldkanten-Pferde sehen jedenfalls gepflegt und gut gefüttert aus, und sie sind zuverlässig. Leo Lee macht trotz Vollblut keinen Quatsch, und Amadeus trägt die Anfängerin im Bunde so sicher, dass auf seinem Rücken keine Sekunde lang auch nur ein ungutes Gefühl aufkommt.

Der Ausritt ist ein Ausflug hinaus aus dem modernen Alltag

Schon wieder Rehe, diesmal mehrere. Die Pferde halten an. Sie heben die Köpfe, aufmerksam jetzt. Als würden sie aus der Menschenwelt heraustreten in die Tierwelt, in der Instinkte gelten. Was natürlich Unsinn ist. Ein Pferd mit Reiter ist immer noch ein Pferd. Wieder hüpfen die Rehe davon. Die Pferde wirken, als würden sie gern hinterher, bleiben aber stehen, bis Jutta Thomas wieder anreitet. Sie ist für ihre Tiere der Fixpunkt. Und nun schaut sie auf die Uhr.

So schnell wie unsere Orientierung haben wir auch das Gefühl für Zeit verloren. Wir waren draußen, nicht nur aus der Stadt, sondern aus der üblichen Welt, aus dem modernen Alltag. Die Pferde unter uns fühlen sich an, als sei man so immer unterwegs – wäre das nicht schön? So macht sich, als irgendwann auch wir Großstadtorientierungslosen etwas vom Weg wiedererkennen und wissen, dass sich unser Ausritt dem Ende nähert, Wehmut breit. Würde nicht der eigene Allerwerteste nicht nach einer Pause rufen, man würde glatt nach Verlängerung fragen.

Leo Lee und die anderen Pferde bleiben bis zum letzten Schritt ruhig und gelassen, keine Spur von Futterhektik oder Ähnlichem, sodass wir umso entzückter auf dem Hofgelände absitzen. Mit steifen Beinen satteln wir ab und putzen noch mal über die Rücken, streicheln die Hälse und die weichen Nasen. Dann sollen wir die Pferde einfach laufen lassen – denn die wissen, wo es jetzt gibt, was ihnen noch lieber ist als getätschelt zu werden: Futter in ihren Trögen. Die sind mit Müsli, Möhren und Äpfeln gefüllt und warten schon. Wir dagegen sind abgemeldet. Und sie haben ja auch recht.

Reiterhof Waldkante. Altlandsberg, Waldkante 3, www. waldkante.de

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem neu erschienen Tagesspiegel-Magazin „Brandenburg“. 160 Seiten Vorschläge für Tages-, Wochenendausflüge und Ferien im Berliner Umland – plus ein Booklet Potsdam spezial.

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