Brandenburg : Jüdische Gemeinden kämpfen ums Überleben

Brandenburgs Landesrabbiner Shaul Nekrich betreut sieben jüdische Gemeinden. Die sind jung, aber haben mit Nachwuchssorgen zu kämpfen

Olaf Glöckner
Viel unterwegs: Landesrabbiner Shaul Nekrich beim Gottesdienst.
Viel unterwegs: Landesrabbiner Shaul Nekrich beim Gottesdienst.Foto: Olaf Glöckner

Zugfahrten in Brandenburg langweilten ihn nie, sagt Shaul Nekrich. Dafür hat der freundliche junge Mann mit dem braunen Vollbart, der schmalen Brille und dem modischen Basecap aus Spandau immer genug zu tun. Shaul Nekrich, 34 Jahre alt, ist Landesrabbiner in Brandenburg, zuständig für sechs lokale jüdische Gemeinden. Er nutzt die Fahrten zur Lektüre von Gemeindebriefen, liturgischen Texten und theologischen Aufsätzen, die meisten griffbereit auf dem kleinen schwarzen Notebook. Aller paar Minuten klingelt das Handy, dann folgen Gespräche in Russisch, Deutsch und manchmal Hebräisch.

Es ist Freitagnachmittag, und diesmal geht die Fahrt nach Frankfurt (Oder). In einer Villa nahe dem Kleistpark hat die 1998 gegründete Gemeinde ihr Quartier. Fast alle der rund 200 Mitglieder sind jüdische Immigranten, die seit Anfang der 1990er Jahre die zerfallende Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten verlassen haben. Antisemitismus, politische Unruhen, Wirtschaftskrise, Neugier auf Europa haben sie hierher geführt. Inzwischen dämmert der Abend herauf - Zeit für „Kabbalat Schabbat“, den Eingangsgottesdienst zum jüdischen Wochenende. Feierlich gekleidete Frauen und Männer warten vor der Villa. Als der junge Rabbi eintrifft, hellen sich die Mienen auf. Die Atmosphäre ist herzlich. Nekrich scheint so etwas wie Teil der Familie zu sein, er spricht fließend Russisch und trifft den Ton der Leute.

Die meisten Gemeindemitglieder kamen aus Russland

Eine eigene Synagoge hat die Frankfurter Gemeinde nicht, doch die Mitglieder wussten sich zu helfen. Im ersten Stockwerk betritt der Besucher einen großen, in Himmelbau gehaltenen Gottesdienstraum. Bilder von Jerusalem hängen neben kunstvoll gestalteten Gebetstexten. In der Mitte des Gottesdienst-Raumes trennt eine dünne Holzwand die Stuhlreihen für Männer und Frauen. Die Frankfurter Gemeinde versteht sich als sehr traditionell. Rabbi Nekrich intoniert kräftig das Schabbat-Eingangslied „Lecha Dodi“, eher verhalten und fast etwas zögerlich stimmen die Gemeindemitglieder in den Gesang ein. Später wird Nekrich bei Wein, Brot, Salaten und Saft verschiedene Texte interpretieren.

Im Alltag kämpfen die jüdischen Gemeinden hart ums Überleben. In Frankfurt (Oder) wie auch in Cottbus kann Rabbi Nekrich zwar mit mehreren Hundert Mitgliedern arbeiten, an anderen Orten aber wie in Königs Wusterhausen und Oranienburg bleibt die Zahl zweistellig oder sinkt sogar (siehe Grafik).

Seit der bundesweiten Neuregelung für die Aufnahme russischer Juden ist der Zuzug zum Erliegen gekommen. Auch Shaul Nekrich verbrachte seine Kindheitsjahre in einer sowjetischen Großstadt. 1979 wurde er in Leningrad, heute Sankt Petersburg, geboren. Noch als Teenager ging er nach Israel, wo er Informatik studierte und anschließend an einer renommierten Jerusalemer Talmud- Schule mit rabbinischen Studien begann. In Israel lernte Shaul auch seine Frau Debbie kennen, die eigentlich Debora heißt, eine selbstbewusste junge Ökonomin, deren Eltern ebenfalls die Sowjetunion verlassen hatten. Sie haben vier Töchter im Alter von einem bis neun Jahren.

Überschaubar: Die wenigen jüdischen Gemeinden Brandenburgs haben teilweise nur zweistellige Mitgliederzahlen.
Überschaubar: Die wenigen jüdischen Gemeinden Brandenburgs haben teilweise nur zweistellige Mitgliederzahlen.Grafik: Bartel

Der Rabbi selbst ist Realist genug, um die Grenzen seiner Möglichkeiten zu sehen. Anders etwa als in der Jüdischen Gemeinde Potsdam gibt es in seinen sechs Gemeinden keine Jugendzentren. „Nach dem Abitur gehen die jungen Leute meist in große Universitätsstädte und beginnen dort ihr Studium als Informatiker, Mediziner, Manager, Künstler oder Anwalt. Wenn sie dann ihren Abschluss gemacht haben, kehren die allerwenigsten zurück“, sagt Nekrich. „Trotzdem arbeite ich sehr gern mit den Jugendlichen hier. Ich versuche, ihnen ein bisschen Tradition mit auf den Weg zu geben.“

Dem Rabbi ist es wichtig, dass die einzelnen Gemeinden nicht isoliert nebeneinander existieren, sondern miteinander verbunden bleiben und Herausforderungen gemeinsam meistern. Gegenwärtig ist er dabei, eine „Chewra Kadischa“, eine jüdische Beerdigungsgesellschaft, für Brandenburg aufzubauen.

Derzeit bereiten sich die jüdischen Gemeinden auf die Pessach-Feiertage vom 15 bis 22. April vor. Bis dahin gibt es viel vorzubereiten – und für Rabbi Nekrich viele weitere Zugfahrten durch Brandenburg.

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