Berlin : "Brandenburger Teller": Eine Karte für die Eiligen, eine für die Genießer

Claus-Dieter Steyer

In immer mehr Gaststätten des Umlandes fällt beim Blättern in den Speisekarten ein Gericht besonders auf: der Brandenburger Teller. Meist handelt es sich um ein zusätzlich in die Mappe eingelegtes Blatt mit einer ausgewählten Speise. Deren Zutaten sollen nachweislich aus der Region stammen, absolut frisch sein und eine Jury überzeugt haben. Der durchschnittliche Preis liegt zwischen 9,50 und 38 Mark, häufig um die 25 Mark. Genau 50 Brandenburger Gaststätten beteiligen sich mit jeweils einem Gericht an dieser neuen Aktion der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH (TMB). "Die Qualität der vielerorts angebotenen Speisen ist oft besser als der Ruf der hiesigen Gastwirtschaft", sagt TMB-Geschäftsführer Dieter Hütte. "Da es aber hier kaum eine typisch regionale Küche gibt, haben wir uns für die so genannten Brandenburger Teller entschieden."

Damit sollten mehr Gäste als bisher zu einem Ausflug oder Kurzurlaub ins Umland gelockt und andere Gastronomen zum Mitmachen stimuliert werden. "Essen und Trinken gewinnen in allen Tourismusgebieten an Bedeutung", erklärt der frühere Kurdirektor aus dem Schwarzwald. Das Image der Branche in Brandenburg sei allerdings gerade bei den Berlinern nicht immer sehr gut, oftmals zu Unrecht. Deshalb sollten die Gäste gezielt nach der Aktion unter dem Motto "frisch, von hier und lecker" fragen.

Die Teilnehmer reichen vom kleinen Landlokal in Familienbewirtschaftung bis zum noblen Spitzenrestaurant. Wer gezielt nach dieser Liste auf Brandenburg-Tour geht, landet unter anderem beim deftigen Knieperkohl aus der Prignitz, beim Kräuterschwein aus Saalow oder bei der Kaninchenschnecke mit Mangold aus dem Spreewald.

Im "Haus Dolgensee" im südlich Berlins gelegenen Dolgenbrodt zögerten die Wirtsleute Heidrun und Roland Albrecht keinen Augenblick mit der Teilnahme am "Brandenburger Teller". Sie sehen die Aktion als "zusätzlichen Werbe-Effekt für die in letzter Zeit nicht gerade einfacher gewordene Branche". 95 Prozent der Gäste kämen bei ihnen aus Berlin, sagt der frühere Restaurantchef des Palastes der Republik, der seit April 1996 das direkt an der Dahme gelegene Restaurant betreibt. Die Konzentration auf Berliner führte zu zwei Konsequenzen: Ab Anfang November öffnet das Haus nur noch von Freitag bis Sonntag und am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg empfängt Albrecht seit einem dreiviertel Jahr Gäste im Restaurant "Zander". Dort brumme das Geschäft, so dass ein Teil des Gewinnes in das "Haus Dolgensee" gesteckt werden könne. Von den Brandenburgern erwartet das Ehepaar keine großen Einnahmen. "Man geht einfach hier nicht fein essen und spart statt dessen lieber das Geld", meint Roland Albrecht. Entsprechend halte sich auch die Nachfrage nach guten Weinen in Grenzen. Dazu käme nicht zuletzt auch eine gewisse Ablehnung der "Fremden aus Berlin", meint Albrecht. Verstärkte Kontrollen auf mögliche Parkverstöße oder einen zu hohen Alkoholspiegel von Kraftfahrern ausgerechnet vor ihrem Lokal seien "nicht immer ganz zufällig". Ähnliche Erfahrungen würden auch Kollegen in benachbarten Orten machen.

Das Restaurant "Stobbermühle" im östlich Berlins gelegenen Buckow, hat eine einfache Lösung für die unterschiedlichen Erwartungen an ein Lokal im Umland gezogen. "Wir arbeiten mit zwei Speisekarten", sagt Koch Frank Güldepfennig. "Eine ist für den eiligen Gast bestimmt, die andere für den Genießer mit etwas mehr Zeit." Die Unterscheidung der Gäste falle oft nicht schwer, es genügten manchmal schon wenige Worte.

Auf eine weitere Besonderheit der Brandenburger Lokalbesucher macht der Restaurant-Kritiker Helmut Gote aufmerksam. "Die meisten Gäste erwarten eine umfangreiche Speisekarte mit mehreren Dutzend Gerichten", meint er. "Präsentiert der Koch aber eine kleine, jedoch ausgesprochen feine Auswahl, fällt die Reaktion oft kopfschüttelnd aus." Ein Restaurant mit 80 und mehr Gerichten besitze einen besseren Ruf als ein Lokal mit einer Handvoll Speisen. Er setze deshalb Hoffnungen in die Aktion "Brandenburger Teller".

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