Brandenburger Tor : Gäule, Bräute und Boliden

Alle wollten sie unter dem Brandenburger Tor hindurch, auf Geldscheinen und in Filmen ist es zu sehen: Ein neues Buch widmet sich dem berühmtesten Bauwerk.

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Im Krieg. Tarnnetze überspannten 1941 die heutige Straße des 17. Juni.
Im Krieg. Tarnnetze überspannten 1941 die heutige Straße des 17. Juni.Foto: dpa

Die armen Reifen! Gut ein Jahr ist es her, dass Sebastian Vettel am Brandenburger Tor mit Vollgas seinen Boliden kreiseln ließ und die Quadriga in Gummiqualm hüllte. Wohlgemerkt: Vor dem Tor! Denn selbst ein Weltmeister darf da nicht mehr durch. Michael Schumacher dagegen durfte noch durchrasen, im Sommer 1995 war das.

Kaum vorstellbar, dass es erst rund ein Jahrzehnt her ist, dass sich die Stadt in Diskussionen übers Tor erhitzte: Sollten nach der Restaurierung wirklich wieder Verkehrsströme durch die Säulen schwappen? Der damals rot-rote Senat sagte nein, heute ist es anders kaum mehr vorstellbar.

Die kurze Reaktivierung als Autoschleuse der Nachwendezeit ist nur eine Episode in der jahrhundertealten Geschichte des Tores. In dem jetzt im Berlin Story Verlag vorgelegten Bilderbuch „Das Brandenburger Tor – Nadelöhr deutscher Geschichte“ wird sie nur am Rande berührt, der Blick der Herausgeberin Monika Bauert geht bis zu den Anfängen zurück, da muss ein verkehrspolitisches Fingerhakeln der Neuzeit zurückstehen. In über 200 Jahren sind Unmengen von Zeichnungen und Fotos zusammengekommen, und nicht nur das: Münzen, Wandteller, Bürsten, Schneekugeln, Bierhumpen, Briefmarken, Anstecknadeln, Spazierstocknägel, Telefonkarten, die Tagesspiegel-Glosse „Von Tag zu Tag“ sind mit dem Tor gesegnet – wie auch Gullydeckel auf der Straße oder Schweinskopfsülze in Dosen als Spezialität der Stadt. Berlin ist das Tor, das Tor ist Berlin. Täglich tausendfache Kulisse für alle, die kommen, um seine Bedeutung zu erspüren. Selbst Deutschlands Geld war einst äußerst toraffin: Das Bauwerk zierte die gute alte Fünf-DM-Note, und die DDR druckte das spätere Einheitssymbol sogar auf ihren blauen Hundert-Mark-Schein.

Wo mag er herkommen, dieser Mythos rund ums Tor? Wie und warum wurde Berlins einziges erhaltenes Stadttor, zwischen 1789 und 1791 von Carl Gotthard Langhans erbaut, zu einem Wahrzeichen der Hauptstadt, ja, mehr noch: ganz Deutschlands? Was passierte auf, am und mit dem bedeutenden, vom griechischen Altertum beeinflussten Werk des Berliner Klassizismus, seit am 22. Dezember 1793 die spätere Königin Luise als Braut durchs Tor kutschiert wurde? War dieses freudige Ereignis samt Volkes Jubel die Geburtsstunde des Mythos? Oder begründete ihn Napoleon, wie er 1806 durchs Tor zog, dieser Pferdedieb, der die Quadriga als Beutestück mitnahm und zur Strafe 1814 besiegt wurde? „Übermut nahm sie, Tapferkeit brachte sie zurück“, hieß es damals. Die Tapferkeit saß hoch zu Roß und hieß Blücher, das Volk warf vor Begeisterung Siegerkränze in die Luft und schrie Hurra, als die Göttin im Triumphzug durchs Tor heimkehrte – aus Schadows Friedensgöttin Eirene wurde dabei die Siegesgöttin Victoria.

Und so ging das fort, fast jedes bedeutende Ereignis Berlins, Preußens und Deutschlands geschah fortan an diesem Stadttor. Erst kommen Maler mit ihren Staffeleien und tauchen, wie Anton von Werner 1877, des Kaisers neue Kleider, die Fahnen und Pferde in ölig-bunte Begeisterung. Dann wird fotografiert, das Tor wandert per Post hinaus in die Welt: „Sedan – welch eine Wendung durch Gottes Führung“ ziert als erstes Transparent das Tor am „Sedan-Tag“, dem 1. September, zur Erinnerung an Preußens Sieg über die Franzosen anno 1870. Später heißt es „Führer befiehl, wir folgen!“, und als dies geradewegs ins Verderben führt, bekommt auch das steinerne Symbol seine Kratzer, aber es steht noch auf seinen sechs Beinen. 1961 dreht Billy Wilder hier „Eins, zwei, drei“, Hotte Buchholz rauscht mit seinem Motorrad durchs Tor – dann ist es plötzlich eingemauert, von 1961 bis 1989 ins Niemandsland verbannt. Erst am 22. Dezember 1989 wird die Forderung „Macht das Tor auf!“ endlich erfüllt. Und sogar Autos dürfen danach wieder durchrollen – zum Glück nur für kurze Zeit.

Monika Bauert (Hg.): Das Brandenburger Tor. Nadelöhr deutscher Geschichte. Berlin Story Verlag, 192 Seiten, 350 Abbildungen, 19,80 Euro

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