Bogensee : "Wilhelm Pieck" im Dornröschenschlaf

16.11.2009 00:00 UhrVon

Die einstige FDJ-Schule am Bogensee ist heute verwildert. Eine Berlinerin hat die Anlage fotografiert.

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Die Tischtennisplatten sind mit Moos bewachsen. - Foto: Jana Dimmey

An den Tischtennisplatten hat schon lange niemand mehr gespielt, sie sind vollständig mit Moos überzogen. Drinnen im großen Saal ist das Dach undicht. Wo früher an Festtagen Erich Honecker sprach, tropft es nun auf den Boden. Und die Topfpflanzen im Treppenhaus sind so vertrocknet, dass ihre Blätter rotgelb schimmern. Man könnte sagen: Dieses Gelände rottet vor sich hin. Jana Dimmey dagegen sagt: Es liegt im Dornröschenschlaf.

Seit zehn Jahren stehen die Betonbauten am Bogensee leer. Bis zur Wende war hier im Wald zwischen Lanke und Wandlitz, 15 Kilometer nördlich von Berlin, die FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ untergebracht. Jedes Jahr kamen 500 junge Frauen und Männer aus der DDR und sozialistischen Bruderstaaten, um in Fächern wie „Wissenschaftlicher Kommunismus“ oder „dialektischer Materialismus“ unterrichtet zu werden. Auch Studenten aus der Bundesrepublik wurden aufgenommen – in der Hoffnung, dass die Saat des Sozialismus anschließend in den Westen getragen werde. Noch früher hatte hier Joseph Goebbels sein Landhaus, das ebenfalls in schlechtem Zustand ist, in ihm schrieb der NS-Propagandaminister an seiner Sportpalastrede.

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In vielen Zimmern stehen die Möbel wahllos im Raum verteilt. - Foto: Jana Dimmey

Heute kommt niemand mehr in die Gebäude, außer dem Hausmeister – und Jana Dimmey, 31, Fotografin. Die Berlinerin erhielt über Wochen hinweg Zutritt zu den elf Betonbauten und hielt mit ihrer Pentax-Kleinbildkamera den Verfall des  Geländes fest. Herausgekommen ist der Bildband „Rote Stühle“. Er zeigt verstaubte Böden, zerbrochene Kacheln und Gänge, die nur notdürftig mit Absperrbändern gesichert sind. Im Flur des Lektionsgebäudes sieht man einen skelettierten Vogel, wer weiß, wie lange der schon da liegt. „Geheimnisvoll und ein bisschen bedrohlich“ haben die Bauten auf sie gewirkt, sagt die Fotografin. Und das schon von außen, beim ersten Besuch im Winter 2007. Nur in Begleitung ihres Freundes hat sie sich hergetraut.

Es waren mehrere Fahrradtouren an den Bogensee nötig, bis sie endlich das Vertrauen von Roberto Müller gewann. So heißt der Hausmeister, der hier seit 1984 arbeitet. Am liebsten erzählt er von den Zeiten, als das Gelände noch bewohnt war. Müller hat Studenten aus Vietnam und Äthiopien kennengelernt, auch Sandinisten, PLO-Kämpfer und Anhänger von Nelson Mandela. Manchmal haben sie zusammen gesungen. Und am Ende jedes Jahrgangs flossen Tränen, besonders bei den Liebespaaren, die sich jetzt wieder trennen mussten, weil der eine zurück nach Asien und die andere in den chilenischen Untergrund musste. Auf einem Foto im Bildband sieht man eine Schultafel, auf der steht noch immer mit Kreide geschrieben: „minja sawut ...“. Das ist Russisch und bedeutet: „Ich heiße ...“.

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Vor allem wirft Dimmeys Arbeit die Frage auf, was mit dem brachliegenden Gelände geschehen soll. Der Berliner Liegenschaftsfonds, der das Areal verwaltet, sucht für die FDJ-Schule seit langem einen Käufer – bislang vergeblich. Zuletzt musste im Sommer dieses Jahres ein geplantes Bieterverfahren abgesagt werden, aus Mangel an ernstzunehmenden Interessenten. Ideen für eine Nutzung gibt es viele: Der Gebäudekomplex würde sich als Wellnesshotel, Rehaklinik, Jugendhilfe-Einrichtung oder gar als Unternehmensrepräsentanz eignen, heißt es beim Liegenschaftsfonds. Wenn sich ein Investor mit tragfähigem Konzept und Bankbürgschaft melde, könne man über einen symbolischen Preis verhandeln.

Anders sieht es bei Goebbels’ Landhaus aus: Das will der Fonds auf keinen Fall auf dem freien Markt anbieten – um rechtsradikale Kreise fernzuhalten. Das Landhaus des Propagandaministers in den Händen von Neonazis, was für eine Vorstellung. Stattdessen sucht man weiter nach einer landeseigenen Nutzung.

Roberto Müller, der Hausmeister, kann nicht viel tun, um den Verfall der Anlage aufzuhalten. Vor allem die Vandalen kann er nicht stoppen. Sie haben schon einiges mitgenommen: die Messingbuchstaben an den Türen, die Lampen, sogar den Grill, und der wog 300 Kilo.

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Jana Dimmey, 31, Fotografin aus Berlin. - Foto: David Heerde

Einen Raum meidet Roberto Müller heute noch. Er liegt im Keller von Haus Potsdam, hinter einer dicken Stahltür verborgen, in den Achtzigern war es dem Hausmeister streng verboten, ihn zu betreten. Nach der Wende kam raus, warum: Hier befand sich das Abhörsystem für die Telefonanlage, jedes Gespräch der FDJ-Schüler konnte per Knopfdruck belauscht werden. Auch die von Roberto Müller. Geahnt hat er nichts, sagt er heute. Nur sich manchmal gewundert, wenn er am Telefon mit Freunden über den Schulleiter lästerte und der ihn am nächsten Tag nicht mehr grüßte.

Jana Dimmeys „Rote Stühle“, mit Texten von Katrin Matthes, ist im Kehrer Verlag erschienen. 108 Seiten, 24,95 Euro.

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