Neues Fürstentum : Die Hippies von Germania

15.03.2009 00:00 UhrVon Alexander Fröhlich

In einem baufälligen Schloss bei Perleberg hat sich eine Gruppe rechtslastiger Aussteiger einquartiert. Jetzt rufen sie mit dem "Fürstentum Germania" einen "unabhängigen Kirchenstaat" mit eigener Verfassung aus. Deutschland stehe noch immer unter Besatzungsrecht.

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Grau in grau. Aus Schloss Krampfer wurde das „Fürstentum Germania“. - Foto: dpa

KrampferKaum 16 Jahre sind die beiden Mädchen alt, entlang der Dorfstraße schieben sie einen Kinderwagen. Sonst ist da niemand zu sehen in Krampfer, einem Ortsteil der 3800 Einwohner zählenden Großgemeinde Plattenburg bei Perleberg, im äußersten Nordwesten Brandenburgs. Ab und zu fährt ein Auto vorbei – und alle Fahrer schauen auf das Schloss, ein baufälliges Gebäude an der Dorfstraße. „Da sollen doch Rechte wohnen“, sagen die Mädchen. Mit denen hätten sie nichts zu tun, die seien komisch.

Bereits vor zwei Jahren war Plattenburg in den Schlagzeilen, weil angeblich der Hamburger Rechtsextremist und NPD-Funktionär Jürgen Rieger im Ortsteil Kleinow ein Schulungszentrum etablieren wollte. Jetzt herrscht erneut Unruhe, denn in dem Schloss ist jüngst mit dem „Fürstentum Germania“ ein „unabhängiger Kirchenstaat“ mit eigener Verfassung gegründet worden. Sogar eine eigene Staatsflagge hängt über dem Eingang: Blau-Rot-Gold.

Innen fällt der Putz von den Wänden, Werkzeug liegt herum, es ist eine Baustelle. Erst seit kurzem gibt es Strom. In der Küche, dem einzigen beheizbaren Raum, sitzt Jens Wilmann, einer der ersten Bewohner, Handwerker aus Bremen. „Wir sind keine Esoterik-Faschisten, die täglich ein Huhn opfern und den Holocaust leugnen“, sagt Wilmann. Er trägt einen Poncho, hat einen Fusselbart, ein Tuch über der Stirn hält seine langen Haare zusammen. „Wenn man so will, sind wir so etwas wie Hippies, Spiritualisten, die hier etwas aufbauen wollen.“

Und wozu ein eigener Staat? „Wir wollen autark leben und nicht unter einer Hausordnung, man nennt sie Grundgesetz.“ Für den 32-Jährigen und seine Mitstreiter existiert die Bundesrepublik nicht, Deutschland stehe noch immer unter Besatzungsrecht. Der Mann redet von Basisdemokratie, von friedlicher Gemeinschaft, Leben ohne Geld, ökologischer Landwirtschaft, von selbst erzeugter Energie und neuer germanischer Medizin. Auch ein Zentrum für missbrauchte Kinder soll entstehen. Schon 300 Bürger habe das Fürstentum, täglich bringe der Briefträger eine Handvoll neuer Einbürgerungsanträge. Wilmann spricht von einer neuen Zeit, die angebrochen sei – wo doch die Welt rundherum in der Krise untergeht.

Ein buntes Volk mit kruden Idealen, ein alternatives Wohnprojekt – könnte man meinen. Für die anderen Dorfbewohner ist es ein Kulturschock. Besonders am Wochenende, wenn Autos aus dem Bundesgebiet vor dem Schloss parken. Ein Verfassungsschützer sagt, nach den Nummernschildern komme hier alles zusammen, was seine wirren Ideen loswerden wolle – rechte Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Extremisten von Links und Rechts. Sektenbeauftragte warnen vor Pädophilen. Offiziell ist beim Innenministerium in Potsdam von einer wilden Gemengelage die Rede. Konkrete Bezüge zum rechten Spektrum, eine akute Bedrohung gebe es nicht. Die Polizei hat das Schloss dennoch im Visier. „Bisher konnten wir keine strafbaren Handlungen feststellen“, sagt eine Sprecherin. Landrat Hans Lange (CDU) will wenigstens den Babybegrüßungsdienst und das Sozialamt vorbeischicken.

Dass es Kontakte mit Rechtsextremen gab, gibt Jens Wilmann zu. „Die sind meist schnell wieder weg. Denen sind wir zu lasch. Wir sind für jeden offen, er muss nur friedlich sein“. Auf dem 4000 Quadratmeter großen Anwesen herrscht Waffenverbot. „Hier kommen viele Menschen zusammen mit ihren Ideen.“ Dazu gehören auch Anhänger der „Kommissarischen Reichsregierung“ (KRR) wie Jo Conrad, einer der Köpfe des Fürstentums, der sich in seinen Verschwörungsbüchern etwa über die Macht der Außerirdischen oder die angeblichen Hintermänner der Anschläge vom 11. September 2001 auch antisemitisch gibt.

Viele im Ort können mit all dem nichts anfangen. „Die Jungs, die da wohnen, mögen ja ganz nett wirken“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Die wissen doch gar nicht, wer dahinter steckt.“ Auch Gabriele Schlamann vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechts sagt: „Das Verwirrspiel hat System, das ist kein Spaß, die Hintermänner haben etwas ganz anderes vor, nur was, wissen wir nicht.“ Die Bewohner hätten Angst, dass die Dorfgemeinschaft kippt. Fest steht: Germania-Bürger versuchen, Häuser und Wohnungen in der Gegend zu kaufen.

Jens Wilmann gibt das offen zu, das Fürstentum könne per Lehnsherrschaft auf Exklaven ausgedehnt werden. Germania müsse aber als souveräner Staat anerkannt werden. In dieser Mission soll Staatsgründer Michael von Pallandt, früher angeblich Taxifahrer in Augsburg, unterwegs sein. Russland und Venezuela hätten bereits Bereitschaft signalisiert. Wilmann, der Mann in Hippie-Kluft, sagt: „Wenn die uns erst mal anerkennen, dann kann uns die BRD gar nichts. Hier entsteht was ganz Großes.“

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