Brandserie in Berlin : Asche im Briefkasten, Angst im Kopf

Seit Monaten hält die Serie von Brandstiftungen in Berlin an. Für Beteiligte ist es ein Leben mit der Angst. Wie fühlt es sich an in einem Haus zu wohnen, in dem ein Brandstifter Feuer gelegt hat?

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Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben.Weitere Bilder anzeigen
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06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Der erste Griff geht immer noch wie automatisch zum Fahrstuhlknopf. Als wäre nichts geschehen. Doch da ist kein Fahrstuhlknopf mehr. Nur verkohltes Plastik. Für Anne D. ist dies der tägliche Moment der Ernüchterung. Der Moment, indem ihr wieder einfällt, dass vor nun fast genau zwei Monaten jemand in ihr Haus eingedrungen ist, Benzin in den Fahrstuhl gekippt und angezündet hat. Der Tag, an dem die Serie von Brandstiftungen, die seit Monaten in Berlin anhält, auch ihr Haus erreicht. Es fällt ihr schwer, das zu akzeptieren. Ein Brandanschlag, sagt sie, das passiere Menschen im Polizeibericht, bei denen der Nachname stets nur einen Buchstaben hat. So wie ihrer jetzt hier.

Im Keller, wo der Brand gelegt wurde, liegen noch immer einige Splitter der Glühbirnen, die wegen der Hitze gesprungen sind. Im Fahrstuhl selbst sind Bierdosen und anderer Unrat auf eigentümliche Weise mit dem Fußboden verschmolzen. Es ist in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Alle Fenster, alle Wände im Treppenaufgang haben schwarze Rußschlieren. Anne hat sich an den Anblick gewöhnt. Die 25-jährige Studentin öffnet den Briefkasten und pustet routiniert die Asche von der Post. Nur Besucher, sagt sie, seien oft noch geschockt. Weil sie nicht wissen, wie es hier in der Nacht des Brandes aussah. Anne D. erinnert sich gut.

An diesem Tag kommt sie spät von der Arbeit. Schon von weitem kann sie auf der lang gezogenen Hermannstraße in Neukölln die Blaulichter und Polizeiabsperrungen erkennen. Viel habe sie nicht gedacht, sagt sie. „Höchstens: Scheiße, nicht unseres.“ Sie zuckt die Achseln. Der Rest ging wie von selbst. Per Handy weckt sie ihren Mitbewohner, der noch im Bett liegt und schläft, als der Rauch bereits durch die Ritzen der Wohnungstür im vierten Stock kriecht und sich in allen Zimmern verteilt. Sie kann ihn husten hören, als er versucht, die Wohnungstür mit nassen Tüchern gegen den Rauch abzudichten. Hört wie zwei Feuerwehrmänner mit ihren Atemschutzgeräten schließlich bis zur Wohnung vordringen und sich mit Schlägen an die Tür Gehör verschaffen. „Bleiben sie hier, öffnen sie die Fenster“, befiehlt einer.

Als gegen Mitternacht alles vorbei ist, wird der Schock mit einer gemeinsamen Flasche Rotwein weggespült. Doch keiner wird in dieser Nacht ein Auge zutun. Um sich nicht ganz so hilflos zu fühlen, beschließt die WG, einen Feuerlöscher zu kaufen.

Lesen Sie mehr im zweiten Teil.

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