Berlin : Bratwurst mit Herz

Wie es aussieht, wenn 18000 Herzspezialisten Hunger haben

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„Rowdys“, sagt der Mann an der Eingangskontrolle. Das ist nicht ganz ernst gemeint. Denn wenn Kardiologen über die Stränge schlagen, ist das meist wenig rabiat. Es sind ein paar Ärzte, die über die Absperrkette gestiegen sind. Nicht, weil sie kein Ticket für den Kongress haben. Sondern weil einfach der Menschenstrom aus der Gegenrichtung zu groß ist. Bereits am Samstag zählte der Kongress der europäischen Herzspezialisten knapp 18000 Teilnehmer, 3000 mehr als die Tagung 2001 in Stockholm. Und der Kongress geht noch bis Mittwoch.

Unter blauem Himmel, vorbei an wehenden Fahnen, strömen die Herzspezialisten in die Messehallen am Funkturm. Die Stimmung ist so gut wie das Wetter, man trifft alte Bekannte, oder ist ganz einfach neugierig auf die Stadt – „die ich bis jetzt nur von Fotos und aus dem Fernsehen kenne“, wie eine schwedische Ärztin sagt. „Ich bin gespannt auf Berlin.“

Zunächst einmal macht die junge Frau Bekanntschaft mit der Berliner Esskultur. Hungrige Kardiologen stehen Schlange an den Messehallen-Imbissständen. Es gibt Bratwurst, Kartoffelsalat, Bier und Softdrinks. Nicht gerade Herz-Diät, aber die Euro-Kardiologen kümmert’s herzlich wenig. Die Neugier auf „german food“ ist stärker.

Jetzt aber schnell in die nächste Sitzung, in eine „Hot Line Session“, eine „Special Session“ oder eine „Clinical Trial Update Session“. Der Kongressband mit einer Kurzfassung der Vorträge und Poster-Präsentationen umfasst 800 eng bedruckte Seiten. Das Herz ist unerschöpflich. Und wem die Wissenschaft nicht genug ist, der kann sich noch in der riesigen Industrie-Ausstellung umtun. Die Krise des Gesundheitswesens muss ein Gerücht sein.

Die Tagungssprache ist natürlich Englisch, und der meistgehörte Satz auf dem Kongress wohl: „Next slide, please“ – „Das nächste Dia bitte.“ Wobei es gar keine Dias mehr sind, die die Referenten ihrem Publikum zeigen, sondern natürlich Computer-Präsentationen. Ansonsten ist leider alles beim alten: die meisten begnügen sich damit, den Text von ihren „Dias“ abzulesen. Und wer Pech hat, muss bei der anschließenden Fragerunde schon einmal sein Canossa erleben: „Eine gute Frage. Ich weiß es nicht, ich müßte nachsehen.“ Schweigen.

Auch Klaus Fleck vom Deutschen Herzzentrum, einer der Organisatoren der Tagung, hat ein Problem. Der Kongresszeitung hat er eine „hübsche Geschichte“ verraten. Fleck hatte vor, mit dem Publikums-Forum des Kongresses ns „Mehr Herz fürs Herz“ auf den Breitscheidplatz zu gehen. „Alles war bereits organisiert, als man uns doch noch ausbootete. Wir mussten weichen, weil an dieser Stelle für die Legalisierung von Marihuana demonstriert werden sollte.“ „Mehr Herz fürs Herz“ zog ins Kranzler-Eck um. „Marihuana ist politisch eindeutig wertvoller als die Bekämpfung von Risikofaktoren für Herzkrankheiten“, grantelt Fleck. „Joint-Demo? No thanks!“wez“

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