Berlin : Braucht Berlin längere Ladenöffnungszeiten?

Pro

Rund um die Uhr die Geschäfte offen zu halten, lohnt sich ganz sicher nicht für alle Händler. Ganz sicher lohnt es aber, es jedem Händler selbst zu überlassen, wie lange er verkaufen will. Für diejenigen, deren Geschäfte sich in einer touristisch frequentierten Gegend befinden, ist es interessant, nach eigenem Gutdünken offen zu halten. Dass nicht jeder abends um 22 Uhr ein Paar Schuhe kauft, ist dabei natürlich klar. Andererseits gibt es noch immer genug potenzielle Käufer, deren tägliche Arbeitszeiten es ihnen schwierig machen, bis 20 Uhr ein benötigtes neues Kleidungsstück oder einfach nur ein paar Lebensmittel zu ergattern. Wüsste man da, wo auch spätabends noch geöffnet ist, könnte man sich auch mal spontan dazu entschließen, in aller Ruhe nächtlich zu shoppen. Dass sich das für den Händler auf Dauer lohnt, beweist das einkaufsfreundliche Amerika. Den Spaß, zu später Stunde nochmals aufzubrechen, um sich in aller Ruhe die ausgegangene Zahnpasta zu holen, haben sicher viele schon bei einem Besuch dort erlebt. Und dass dabei meist mehr im Einkaufswagen landet, sicher auch. Wenn es auch hier normal und alltäglich wird, da und dort spätabends einkaufen zu können – ohne Gewühl und Hast, wie es heute noch denen droht, die ihre Besorgungen auf den arbeitsfreien Sonnabend verlegen müssen – nutzen das mit der Zeit sicher immer mehr Käufer. Probieren geht über Studieren – das gilt auch für die Ladenöffnungszeiten.  Heidemarie Mazuhn

Contra
Man muss kein Gewerkschafter sein, um den Unsinn noch längerer Ladenöffnungszeiten zu erkennen: Die Geschäfte erwirtschaften weder mehr Umsatz, noch gibt es zusätzliche Arbeitsplätze. Im besten Fall darf das Verkaufspersonal Überstunden schieben, oder es entstehen eine Hand voll Minijobs. Denn was die Menschen montags bis samstags von acht bis acht nicht aus den Läden tragen, kaufen sie auch nicht um 21 oder 22 Uhr ein. Das Portemonnaie der Kunden ist eben nicht voller, nur weil die Geschäfte länger öffnen. Eine „Lange Nacht des Shoppings“ wie sie zweimal im Jahr rund um den Breitscheidplatz stattfindet, ist eine der Aktionen, die Dauershoppern und Arbeitnehmern durchaus Spaß machen kann – als Ausnahme. Doch als Dauerzustand verliert das schnell seinen Reiz. Und was ist mit gemeinsamen Familien-, Kino- oder Kneipenabenden? Die Freizeit wird ein einziger Rangierbahnhof der Termine, nur noch mit Terminkalender und Handy organisierbar. Vor allem aber dürfen die Kinder ausbaden, was die Großen uns da mit ihrem Konsumwahn einbrocken wollen: Mama und Papa sind abends nicht da, wenn die Kinder zu Hause sind, dafür sind die Eltern tagsüber daheim, wenn die Kinder in der Schule sind. Am Wochenende können die Kleinen zusehen, wie sie sich beschäftigen, weil ihre Eltern Kunden beraten. Und das, damit einige wenige ihre Konsumgelüste ausleben können. Sind das die Werte, die wir wollen? Roland Koch

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