Berlin : Braucht Berlin vor der Fußball-WM einen Benimm-Kurs?

Elisabeth Binder

Sehr erfolgreiche Menschen zeichnen sich in aller Regel auch durch ein besonders zuvorkommendes Auftreten aus. In Zeiten, da der globale Wettbewerb immer härter wird, schulen große Unternehmen ihre Mitarbeiter gezielt, damit sie wissen, welche Art von Benehmen anderswo gar nicht gut ankommt. Die beste Höflichkeit kommt von innen, und sie besteht eigentlich in einer Haltung, die sich darin zeigt, dass man sich daran freut, den Mitmenschen das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Wer zusätzlich weiß, wie man in einer international verbreiteten Sprache grüßen und den Weg erklären kann oder welche Gesten zum Beispiel Gästen aus Asien unangenehm sind, der ist definitiv ein besserer Botschafter für die Stadt, als jemand, den das alles überhaupt nicht interessiert. Manche Menschen agieren aus Unsicherheit besonders raubauzig. Ein Training verhilft oft zu größerer Souveränität, die eine Grundvoraussetzung für gutes Benehmen ist. Wer weiß denn, ob der unscheinbare, irgendwie ausländisch sprechende Jeansträger, der da bei einem strahlend freundlichen Taxifahrer Platz nimmt, nicht morgen als großer Investor zurückkommt? Jeder Berlin-Besucher sollte möglichst viele schöne Erinnerungen mit nach Hause nehmen, um sie dort zu verbreiten und andere zu ermutigen, auch hierher zu kommen. Schon deshalb verdienen gute Umgangsformen alle Förderung der Welt.

Es gibt Leute, die ihre gesamte Wohnung umkrempeln, wenn Besuch kommt. Sie saugen Staub, putzen die Fenster und kleiden die Kinder neu ein. Später wird der Besuch dann sagen: Ganz schön steril bei denen – ob das da immer so aussieht? Etwas Ähnliches wäre der Versuch, den Berlinern rechtzeitig vor der Fußball-WM eine Gehirnwäsche zu verpassen und aus der Stadt eine Art geistig-moralisches Drei-Sterne-Restaurant zu machen, in dem Domestiken den Gästen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Die Wahrheit ist: Weltstädte funktionieren nach ihren eigenen Gesetzen, sonst wären sie keine. Der Ton in Berlin ist rau, die Grundgeschwindigkeit hoch, wer zögert, wird überholt – und das macht zu einem gewissen Teil die Faszination der Stadt aus; wäre Berlin wie Stuttgart, könnten die Stuttgarter gleich zu Hause bleiben. New York hat ein paar grässliche Taxifahrer, in London sind die Hotels teuer, und in Paris tun sie sich schwer mit Zugereisten, die nicht Französisch sprechen. Aber würde deshalb irgendjemand dort nicht hinreisen? Was sich die Offiziellen jetzt für Berlin ausdenken, beweist nur mangelndes Selbstbewusstsein und sieht ein wenig danach aus, als sei man Klischees auf den Leim gegangen, die draußen niemanden interessieren. „Juten Tach, my name is Fritz Schulz, and ick bin your Straßenfeger on the Kurfürstendamm today“ - das wird dabei rauskommen. Dabei wäre wohl wichtiger, dass der Kurfürstendamm einfach sauber ist zur WM. Bernd Matthies

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