Berlin : Braucht die Topographie des Terrors einen Neubau?

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es ist ein Ort des Schreckens. Der Ort der Täter. Hier nahmen die Gestapo, die SS und das Reichssicherheitshauptamt ab 1933 Quartier. Es war eine verkrustete Wunde im Herzen der Stadt, die von Archäologen vor einem Vierteljahrhundert wieder freigelegt wurde. Unter dem Namen „Topographie des Terrors“ ist diese Ausgrabungsstätte in der Welt bekannt geworden; viele Besucher Berlins wollen sehen, können unter freiem Himmel erahnen, was die Macht- und Terrorzentrale der Nazis einmal gewesen ist und was sie in Deutschland und Europa bewirkte. Das offene Gelände inmitten der Stadt, die Spuren im Schutt und die sparsame, aber eindringliche Dokumentation üben eine große Anziehungskraft aus und schaffen eine besondere Atmosphäre. Es ist ein einzigartiger Ort in Berlin, der bewahrt und gepflegt werden muss. Was dort fehlt, ist kein prächtiges Museum, aber doch ein Dach unter dem freien Himmel. Eine Gelegenheit, sich auszuruhen, sich zu sammeln, in Büchern nachzulesen und das Gesehene mit Hilfe von Bild und Ton zu vertiefen. Es fehlt ein bescheidenes Haus, auch für Schulklassen, Reisegruppen und Wissenschaftler, die am Ort des Geschehens diskutieren und nachdenken wollen. Man mag es Dokumentationszentrum nennen oder Haus der Begegnung. Das soll nichts teures, architektonisch Aufwändiges werden. Doch jede Ausgrabungsstätte braucht ihr „Zelt“. Auch die Topographie des Terrors.

Es gab ein paar Jahre, in denen der Ort als solcher wirkte: Die Topographie des Terrors, eben ausgegraben und freigelegt, stand für sich. Die Keller waren Keller mit alten Kacheln, die Mauern waren dick und aus Backstein – und mehr als das. Wer den Ort aufsuchte, las, dass in diesen Räumen Menschen gefoltert worden waren. Die Bedeutung dieses Ortes entstand im Kopf des Betrachters. Erklärungen und Erläuterungen fand man in einem Pavillon. Dort hingen Fotos, dort gab es einen Katalog – mehr als genug, um wenigstens zu ahnen, welcher Terror von diesem Ort ausgegangen ist. Es gab damals keinen architektonischen Anspruch an diesen Ort, er wirkte für sich. Vielleicht meinte man deshalb manchmal etwas in der Stille zu hören, die über der „Topographie des Terrors“ lag. Dann begann die Pädagogisierung der Berliner Gedenkorte. Das Holocaust-Mahnmal muss mit einem Informationszentrum versehen werden, damit an diesem symbolisch-abstrakten Mahnmal kein Missverständnis auch nur denkbar erscheint. Die Kellergemäuer der Topographie sollten mit einem zeitgenössischen Über-Bau versehen werden, weil man dem Betrachter nicht traut: Leute, die auf Kellermauern und alte Kacheln starren und ihren Gedanken nachhängen, gelten als unfähig zu erfassen, was geschehen ist. Dabei gehen ohnehin bloß die an solche Orte, die etwas wissen und sich erinnern wollen. Die brauchen keine Gegenwartsarchitektur über schreienden Mauern. Werner van Bebber

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