Berlin : Braune Brause für die Roten

Die Dreharbeiten zu „Eins, zwei, drei“ hatten viel versprechend begonnen. Sogar die Erlaubnis, auf der Ostseite des Brandenburger Tores zu drehen, hatte Billy Wilder bekommen. Doch dann kam der 13. August 1961, und Berlin war als Drehort gestorben. Und sehen wollte diese Ost-West-Komödie über die Vor-Mauer-Zeit sowieso keiner mehr.

Hellmuth Karasek

Längst ist „die Mauer“, die am 13. August 1961 entlang der Berliner Sektorengrenze errichtet wurde, historisch. Ihre spärlichen Reste sind immer noch eine touristische Attraktion; die Bruchstücke, die die „Mauerspechte“ aus dem Graffiti-gesättigten Trümmerwerk geschlagen haben, befinden sich als Souvenirs in aller Welt. Man weiß, dass ihr Fall am 9. November 1989 auch das Ende der DDR und den Anfang der Wiedervereinigung bedeutete. Man weiß, dass sie viele Todesopfer forderte: Sie war alles andere als ein Spaß.

In jenen heißen Augusttagen 1961 drehte Billy Wilder (der als Billie Wilder im Vor-Hitler-Berlin Eintänzer, Journalist, Drehbuchautor war und am schönsten Berlin-Film jener Jahre, „Menschen am Sonntag“ von 1930, mitgearbeitet hatte) seine als turbulenter Spaß geplante Komödie „Eins, zwei, drei“ rund ums Brandenburger Tor. An dem stand zwar mehrsprachig, dass man nun den „demokratischen Sektor Berlins“ (gemeint war Ost-Berlin) verlasse, das man aber ungeniert passieren durfte – bis zum 13. August.

Schon 1945 hatte der Wiener Berliner Wilder als US-Besatzungsoffizier die geteilte Stadt besucht und 1947 über diesen Besuch den hinreißenden Marlene-Dietrich-Film „A Foreign Affair“ gedreht, der in Amerika gnadenlos durchfiel. Die US-Moral fühlte sich düpiert von einem Film, in dem die Besatzer hemmungslos mit den deutschen „Frolleins“ fraternisierten, wozu sie sich Matratzen auf dem Schwarzmarkt besorgten. Das offizielle Amerika war schockiert. Natürlich hatte der Film, der seine Komik in den Luftkriegstrümmern von Berlin entfaltete (auch dafür ein rares Dokument) in Deutschland beim Publikum damals ebenfalls keine Chance.

Jetzt also drehte Wilder streng wie immer, mit preußischem Drill (wie sich Hauptdarsteller James Cagney griesgrämig erinnerte), wieder eine überdrehte politische Komödie, diesmal über den Kalten Krieg; in atemberaubendem Tempo zeigte er, schnell, schneller, am schnellsten, wie man Coca Cola im Berlin des westdeutschen Wirtschaftswunders auch in den Ostblock zu verkaufen sucht.

Dieses Geschäft macht dem Berliner Filiale-Boss nur mäßigen Spaß. Er will nach London versetzt werden – obwohl die deutschen Untergebenen „Jawoll“ brüllen, mit den Hacken knallen und vor ihm strammstehen und die hinreißende und hinreißend komische Sekretärin platinblond, langbeinig und Lilo Pulver ist – und nicht nur mit dem Stenoblock zu Diensten steht. Plötzlich jedoch muss er einen Kommunisten (Horst Buchholz) zum Kapitalisten umerziehen, weil sich die Tochter des Coca-Cola-Konzernbosses in Atlanta in diesen ideologisch scheinbar so sattelfesten Ost-Berliner verliebt hat. Ein Film, der turbulent vorausahnt, warum die Mauer gebaut werden und warum sie 30 Jahre später wieder verschwinden musste – als wäre nichts gewesen.

Die Eroberung des Ostens sollte genau dort gedreht werden, wo Cagney als Filialchef C. R. MacNamara sie plante, in der Coca-Cola-Niederlassung an der Hildburghauser Straße in Lichterfelde. Drei Tage lang legte Wilders Team Produktion und Auslieferung lahm, ließ die Lastwagen des Fuhrparks durch die Tore kreisen, blockierte Eingangshalle, Pförtnerloge, Treppe. Den Fahrstuhl, dem Karl Lieffen als Chauffeur Fritz die Treppen hinterherhetzt, gab es nicht – ein Trick mit Lampen, die hinter Milchglas auf- und niederglitten, musste reichen. Schwieriger war der Steinfußboden in der Eingangshalle zu bewältigen, auf dem Lieffen regelmäßig ausrutschte, doch auch war dies nichts gegen das spiegelglatte weltpolitische Parkett, auf dem sich Wilders Komödie bewegte.

Sie war ihrer eigenen Prophetie – damals, versteht sich – selber nicht gewachsen. Die Nachricht vom Mauerbau erreichte Wilder in der Bar des Kempinski-Hotels, wo er sich von den täglichen Dreharbeiten mit seinem Co-Autor J.A.L. Diamond erholte. Es war der größtmögliche Produktionsunfall, der einen Film mit Berliner Ost-West-Lokalkolorit treffen konnte. Die Folge: Der Film wurde in München weitergedreht, auch die Außenaufnahmen, und für diesen Zweck musste man das Brandenburger Tor für sündhaft teures Geld auf dem Bavaria-Gelände in Geiselgasteig nachbauen. So hat es Billy Wilder immer erzählt, auch Liselotte Pulver erklärt das Brandenburger Tor in München mit dem Mauerbau. Damals verteilte Pressematerialien und alte Zeitungsberichte lassen es aber als ebenso möglich erscheinen, dass die Kulisse in Geiselgasteig schon vor dem Mauerbau ganz oder teilweise gebaut wurde. Eine der berühmtesten Szenen des Films ist die Fahrt von Horst Buchholz auf dem Motorrad durchs Tor, während sich am Auspuff ein Ballon mit der Aufschrift „Russki, go home!“ bläht. Wilder hatte dafür die Genehmigung der Ost-Behörden erhalten, schlitzohrig aber nichts vom Ballon erwähnt. Beim ersten Drehtag Mitte Juli verschlechterte sich das Wetter. Als die Crew am nächsten Tag weiterdrehen wollte, wurden sie abgewiesen. Wilder verhandelte, das Verlangen der Grenzer, das Manuskript zu lesen, lehnte er aber ab, angeblich mit dem Hinweis, nicht einmal Präsident Kennedy würde er das zu lesen geben, und so musste das Tor in München neu entstehen.

Aber es war nur ein Produktionsunfall, das heißt: Es schien nur einer zu sein. Ebenso wie es der Autounfall in München war, bei dem Buchholz betrunken seinen Cadillac zu Schrott fuhr und sich ins Krankenhaus beförderte. Auch dies verzögerte die Dreharbeiten und verteuerte den Film. Der Flughafen Tempelhof, den Filmarchitekt Alexander Trauner wegen des Fluglärms am orginalen Ort in München nachgebaut hatte, musste dort – die nächste Produktion wartete – abgerissen und in Hollywood neu aufgebaut werden.

Doch jetzt begann die eigentliche Katastrophe: Der Film fiel in dem eisigen Klima, das der Mauerbau bewirkt hatte, durch. Er mache sich über unsere Leiden lustig, befand die deutsche Kritik: Es war auf einmal – eins, zwei, drei – der falsche Film zur falschen Zeit am falschen Ort. Für Wilder bedeutete das im Grunde den Anfang vom Ende seiner Karriere. Man mutmaßte, den Macher von „Some Like It Hot“ (1959) und „Apartment“ (1960) habe sein Instinkt und sein Glück verlassen – nichts wiegt auch in Hollywood schwerer als ein Misserfolg an der Kasse und bei der Kritik zugleich. Auch für James Cagney, der den Boss mit bärbeißigem Humor und blendender Laune spielte, war dieses gescheiterte Comeback ein Desaster; der „Public Enemy“-Darsteller zog sich vom Filmen zurück. Und Liselotte Pulver? Sie blieb zwar ein berückend wirbliger, sympathisch komischer Star – die Welt-Karriere als eine Art deutsche Monroe (oder deutsche Shirley Mc Laine) blieb ihr jedoch verschlossen.

Erst 25 Jahre später wurde „Eins, zwei, drei“ zum Kultfilm; seine prophetische Kraft vom Ende des real existierenden Sozialismus begann zu zünden. Wilder, dessen Witz keine ideologischen Grenzen kennt, hatte in der Komödie auch gezeigt, dass der Kapitalismus sein Sibirien habe: Für den europäischen Filialleiter die Rückversetzung ins langweilige Atlanta. Und auf die Frage, warum er „Eins, zwei, drei“ um Gottes Willen gedreht habe, antwortete er 1974 (damals wusste man noch nichts von der unverwüstlichen Kraft dieses Werkes): „Außerdem finde ich Coca Cola nun mal komisch. Und wenn ich’s trinke, kommt es mir noch komischer vor.“

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