Berlin : Brauner Friedrichshain

Vor 80 Jahren wurde der Bezirk in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannt. Mit dem Märtyrerkult versuchten die Nazis, das „rote“ Berlin zu tilgen.

Manfred Gailus
Ein Platz und viele Namen. Der Rosa-Luxemburg-Platz hieß von 1933 bis 1945 Horst-Wessel-Platz. Zuvor trug er die Namen Babelsberger Platz (1907–1910), Bülowplatz (1910–1933) und nach dem Krieg Liebknechtplatz (1945–1947). Foto: bpk / Hans Schaller
Ein Platz und viele Namen. Der Rosa-Luxemburg-Platz hieß von 1933 bis 1945 Horst-Wessel-Platz. Zuvor trug er die Namen...Foto: bpk / Hans Schaller

Wochenlang hat sich die Witwe eines Kommunisten mit ihrem säumigen Untermieter herumgeärgert. Am Abend des 14. Januar 1930 hat die 29-jährige Elisabeth Salm genug. Wütend sucht sie in einer Kommunistenkneipe unweit ihrer Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 62 (heute Frankfurter Allee) um Beistand durch die Genossen. Zunächst interessiert sich niemand für ihre Mietstreitigkeiten. Als die Männer aber hören, dass es sich bei dem Untermieter um den SA-Führer Horst Wessel handelt, beschließen sie, dem verhassten „Nazi-Häuptling“ vom Alexanderplatz eine „proletarische Abreibung“ zu verpassen. Als der ahnungslose Wessel an diesem Abend seine Zimmertür öffnet, stehen drei Männer vor ihm. Einer richtet eine Pistole auf ihn. Kurz darauf fällt ein Schuss, der ihn mitten ins Gesicht trifft. Der schwer verletzte Wessel stirbt fünf Wochen darauf im Krankenhaus am Friedrichshain.

Die Tat sollte eine lange Blutspur nach sich ziehen und den größten Helden- und Märtyrermythos der Nazizeit begründen. Das Kampflied „Die Fahne hoch“, das der SA-Mann 1929 schrieb, avanciert zur zweiten deutschen Nationalhymne. Horst Wessel werden Denkmäler gesetzt, Straßen und Plätze ihm zu Ehren umbenannt – und ein Berliner Bezirk erhält seinen Namen. Am 28. September 1933, acht Monate nach Hitlers Machtantritt, gipfelt die kultische Heldenverehrung in der Umbenennung des Verwaltungsbezirks Friedrichshain in „Horst-Wessel-Stadt“, später umgewandelt in „Verwaltungsbezirk Horst Wessel“. Wessels Sterbezimmer im Friedrichshainer Krankenhaus wird zur Gedenkstätte, kurz darauf auch die Klinik nach ihm benannt.

„Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich“, notiert der NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels noch an Wessels Todestag in seinem Tagebuch. Das KPD-Parteiorgan „Die Rote Fahne“ kolportiert dagegen, bei Wessel habe es sich um einen „Zuhälter“ gehandelt, der bei einem Streit im Prostituiertenmilieu ums Leben gekommen sei.

Aus der Beerdigung am 1. März machen Goebbels und die NSDAP eine politische Propagandaaktion. Als der Trauerzug, der vom Haus der Familie in der Jüdenstraße 51/52 zum Friedhof der St.-Nikolai-Gemeinde in Prenzlauer Berg führt, am Bülowplatz vorbeizieht, ertönt aus der Parteizentrale der KPD die Internationale – noch als Toter dient Wessel im Kampf der verfeindeten Lager. Mit seinem Nachruf „Bis zur Neige“ im NS-Blatt „Der Angriff“ vom 6. März 1930 verklärt Goebbels das Schicksal des zehn Jahre jüngeren Wessel, den er seit 1927 kannte und als Führertalent schätzte, zur Passionsgeschichte eines deutschen Messias. „Er hat den Kelch der Schmerzen bis zur Neige getrunken. Er ließ ihn nicht an sich vorübergehen, er nahm ihn willig und voll Hingabe. Dies Leiden trinke ich meinem Vaterland! Hebt ihn hoch, den Toten, und zeigt ihn allem Volk. (…) und fragt man euch, wer dieser Tote sei, dann gebt zur Antwort: Deutschland!“

Goebbels findet in Wessel eine idealtypische Projektionsfläche für seine pseudo-religiöse Metaphorik von Heldentod und Auferstehung der Nation. Und sie ist geradezu schicksalhaft in Wessels Biografie angelegt. Der Vater, Wilhelm Ludwig Georg Wessel, seit 1913 Pfarrer an der St.-Nikolai-Kirchengemeinde, dient als Feldprediger im Ersten Weltkrieg. Sein deutschnationaler Fanatismus überdauert die Stahlgewitter. In seinen 1918 erschienenen Erinnerungen „Von der Maas bis an die Memel“ schwärmt er vom Augusterlebnis 1914: „Ein deutsches Pfingsten brach an. So schön, wie es die Besten unseres Volkes nie zu hoffen, zu träumen wagten. Ein Volk, ein Gott, ein Glaube.“ Pfarrer Wessel wird zum „vaterländischen“ Agitator, wähnt sich in einem „heiligen Krieg“ mit dem Ziel eines Europa dominierenden Großdeutschlands. In Zeitungsartikeln und Vorträgen streitet er gegen alles, was auf der Agenda der Deutschnationalen und Völkischen steht: gegen die Revolution 1918, gegen Sozialismus und die demokratische Weimarer Republik, gegen den „Schandfrieden von Versailles“, gegen Juden und alles irgendwie „Jüdische“. Der Ton im Pfarrhaus prägt den Sohn. Zwischen Hohenzollernschloss und Alexanderplatz wächst der Zehnjährige in unmittelbarer Nähe der bewaffneten Straßenkämpfe der Novemberrevolution auf. Im März 1920, während der Tage des Kapp-Putsches, dürfte der Junge die Freikorpstrupps der Brigade Ehrhardt mit den aufgemalten Hakenkreuzzeichen am Stahlhelm bewundert haben. In vielen Pfarrhäusern wurde der rechtsextreme Gewaltakt gegen die angeblich rote und jüdische „Gottlosenrepublik“ freudig begrüßt. Als der Vater im Mai 1922 stirbt, ist Horst Wessel 14 Jahre alt.

Am Gymnasium findet er über Mitschüler in das nationalvölkische Milieu. Die bündischen Kreise, aus deren Reihen der Anschlag auf den Außenminister Walther Rathenau im Juni 1922 begangen wird, ziehen ihn in ihren Bann. Seit 1924 steht er im „Dienst“ der terroristischen Geheimorganisationen des Korvettenkapitäns a. D. Hermann Ehrhardt, nimmt an militärischen Geländeübungen im Westen Berlins teil. Ende 1926 tritt der 19-jährige Student der NSDAP und der SA bei.

Allein 1929 tritt er 56 Mal als Parteiredner auf und gehört damit, nach Goebbels, zum zweithäufigsten Redner im Gau Groß-Berlin. Fürs Jurastudium an der Berliner Universität ist nun keine Zeit mehr. Der Straßenterror gegen die verhasste Republik und die politischen Feinde hat Vorrang. Zum 1. Mai 1929 übernimmt er die Leitung des SA-Trupps 34 in Friedrichshain.

Noch in der Nacht des Todesschusses auf Horst Wessel tauchen die Täter unter. Als Hauptverdächtiger gilt Albrecht Höhler. Der gelernte Tischler Höhler, der im zwielichtigen Milieu der Ringvereine des Scheunenviertels verkehrte, seit 1924 KPD-Mitglied, gehört einer illegalen kommunistischen Sturmabteilung in Berlin-Mitte an und taucht zunächst unter. Im September 1930 wird er mit einem Komplizen zu je sechs Jahren und einen Monat Zuchthaus verurteilt. Drei Jahre später wird Höhler aus dem Gefängnis geholt und in einem Waldstück bei Frankfurt (Oder) von SA-Leuten erschossen.

Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wird der Parteikult der NSDAP um Horst Wessel zum Staatskult. Feierliche „Horst-Wessel-Appelle“ am Geburts- und Todestag, Ehrenwachen im Sterbezimmer Wessels im Friedrichshainer Krankenhaus und am Ort des Überfalls in der Frankfurter Straße werden zu Ritualen, ebenso wie die Abordnungen der Parteiorganisationen am Grab, die Gedenkfeier und der nächtliche SA-Fackelmarsch. Wessel-Erinnerungsorte sind nun nationalsozialistische Weihestätten. Der Name Horst Wessel dient der Nazifizierung der Stadt, um dem „roten“ Berlin einen braunen Anstrich zu geben. Das Karl-Liebknecht- Haus am Bülowplatz, die Parteizentrale der KPD, wird zum „Horst-Wessel-Haus“, nach dem Verbot der KPD erhält auch der einst „rote“ Bülowplatz vor der heutigen Volksbühne den Namen „Horst-Wessel-Platz“. An der Ostseite des Platzes erinnert seit 1936 ein Denkmal an die „Sechs Ermordeten der Bewegung der Innenstadt“, 1937 wird die Weydingerstraße, die vom Wessel-Platz zum Nikolai-Friedhof führte, zur „Horst-Wessel-Straße“. Und ab 1939 heißt auch das Luisenstädtische Gymnasium in Prenzlauer Berg, an dem Wessel sein Abitur machte, „Horst-Wessel-Gymnasium“.

Erst mit Kriegsende verschwindet Wessel aus dem Stadtbild. Nur die Ruhestätte der Familie auf dem St.-Nikolai-Friedhof bleibt ein Wallfahrtsort, obwohl das Grab des SA-Führers mitsamt dem Denkmal schon 1945 eingeebnet wird. Immer wieder pilgern Neonazis zu dem benachbarten Grab des Vaters, Ludwig Wessel, legen Blumen nieder. Im Sommer 2013 ließ die Friedhofsverwaltung die Reste der Grabanlage vollständig beseitigen.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin.

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