Braunkohle und Tagebau in der Lausitz : Gut bezahlte Arbeit ohne Alternative

Braunkohle ist das ökonomische Herz der Lausitz. Ein abrupter Ausstieg aus der Kohleverstromung würde in Brandenburg schwerste soziale und wirtschaftliche Verwerfungen auslösen. Ein Gastkommentar

Wolfgang Krüger
Arbeit im Braunkohletagebau.
Der Ingenieur und Entwickler Volkmar Schrader (rechts) unterhält sich mit dem Leiter des Brückenbetriebes Frank Matthessteht...Foto: dpa

"Wie weiter mit der Braunkohle? Diese Frage wird seit über hundert Jahren in der Lausitz gestellt. Der Gegensatz zwischen dem Segen dieses Bodenschatzes und seinem Fluch ist so alt wie die Geschichte des Tagebaus selbst. Arbeitseinkommen und Wohlstand standen seit jeher gegen Eingriffe in die Natur und den Verlust von Heimat.

Jede Generation muss sich aufs Neue einen Kompromiss zwischen der optimalen Nutzung der Braunkohle und den Umgang mit den Folgen erarbeiten. Aktuell hat dieser Konflikt in der Lausitz allerdings besondere Dramatik gewonnen. Zum einen, weil auf Grund der globalen Klimaschutzziele und der deutschen Energiewende die Braunkohle als Energieträger grundsätzlich auf dem Prüfstand steht. Zum anderen durch den Entschluss von Vattenfall, sich von seinen Lausitzer Tagebauen und Kohlekraftwerken zu trennen.

Für die Lausitz ist diese Entwicklung existenziell, weil die Tagebaue und Kraftwerke derzeit das Rückgrat der hiesigen Wirtschaft sind. Das kann gar nicht stark genug betont werden.

Dass mit der Braunkohle ein preiswerter heimischer Energieträger zur Verfügung steht, dass der gleichzeitige Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom Deutschland überfordern würde, dass die Lausitzer Kraftwerke zu den modernsten ihrer Art zählen, dass die Braunkohleverstromung als Brückentechnologie noch auf lange Sicht gebraucht wird, oder dass zumindest hinterfragt werden sollte, wie groß der tatsächliche Einfluss der Lausitzer Kraftwerke auf das globale Wettergeschehen ist – die grundsätzlichen Argumente Pro und Contra Kohle sind zur Genüge ausgetauscht. Ich möchte an dieser Stelle vielmehr das Augenmerk auf die strukturpolitische Bedeutung der Kohlebranche für die Lausitz lenken.

Die großen Herausforderungen für die brandenburgische Landespolitik liegen – vor allem bedingt durch den demographischen Wandel – in der Peripherie des Landes und nicht im Berliner Speckgürtel. Dabei ist die Lausitz bisher eine für ostdeutsche Verhältnisse wirtschaftlich solide dastehende Region. Der Grund dafür: Südbrandenburg verfügt über einen industriellen Besatz, der sogar über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Diese Tatsache ist leider in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Ohne Kohle wird die Lausitz rasch veröden

Dank ihrer industriellen Stärke ist die Lausitz auch – obwohl Peripherie – eine leistungsfähige Region des Landes Brandenburg. Die industrielle Basis der Lausitz konnte allerdings nur erhalten werden, weil mit der Braunkohlebranche ein starker Anker zur Verfügung stand. Wobei mit den schmerzhaften strukturellen Anpassungen der 90er Jahre eine überproportionale Reduktion des CO2-Ausstoßes einherging. Zu dieser Reduktion, die der gesamtdeutschen CO2-Bilanz zu Gute gerechnet wird, hat die Lausitzer Braunkohlebranche viel beigetragen.

Bis heute ist die Braunkohleverstromung das ökonomische Herz der Lausitz. Jetzt steht die Frage, wie und mit welchem Pulsschlag das Herz weiter schlagen darf und mit welcher Kraft es ein komplexes Netzwerk von Zulieferern und Dienstleistern versorgen kann.

Nun sollte sich die Region durchaus darauf einstellen, dass die Kohleverstromung nur noch eine zeitlich begrenzte Lebensdauer hat. Nicht zuletzt deshalb fordern wir als IHK Cottbus seit langem, dass die Innovations- und Exportfähigkeit der hiesigen Unternehmen gestärkt werden muss. Dafür braucht es beispielsweise eine intensive Vernetzung mit den Hochschulen oder eine verbesserte Willkommenskultur, die unsere Region für auswärtige Fachkräfte attraktiver macht.

Ungeachtet dessen ist derzeit ein abrupter Ausstieg aus der Kohleverstromung nicht vorstellbar, ohne schwerste soziale und wirtschaftliche Verwerfungen auszulösen. Weder der Tourismus, noch die regenerative Energiegewinnung oder andere Branchen können, bei allen Fortschritten im Detail, auf absehbare Zeit die meist gut dotierten Arbeitsplätze der Braunkohlebranche ersetzen.

Ohne Kohlegewinnung wird das demographische Ausbluten der Lausitz rapide voranschreiten. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Vattenfall und seine Vorgänger in der Region über Jahrzehnte exzellente Ausbildungsbetriebe waren und sind. Die hier ausgebildeten Fachkräfte kommen dabei sowohl Vattenfall selbst als auch vielen anderen Unternehmen der Region zu Gute. Zudem können die Zulieferer und Dienstleister Dank ihrer Verflechtung mit der "Wertschöpfungskette Braunkohle" selbst zahlreiche hochwertige Ausbildungsplätze anbieten.

Die Energiekosten schrecken schon jetzt Unternehmen ab

Wobei nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Lehrstellen zählt. Viele leistungsfähige Jugendliche suchen ja nicht einen beliebigen Ausbildungsplatz, sondern einen, der ihren Interessen und Lebenszielen entspricht. Ohne Braunkohlebranche würde das Lehrstellenangebot in dieser Hinsicht verarmen und mehr Schulabgänger würden die Region verlassen.

Dabei hat die Lausitz einen hohen Freizeitwert – ob bei Kultur, Sport oder Natur. Das ist auch ein starkes Argument, um Fachkräfte anzulocken. Aber es bedarf vor allem eines breit gefächerten Angebotes an beruflichen Perspektiven, um zum Beispiel junge Paare hier zu halten, wenn beide Partner in der Region eine attraktive Beschäftigung suchen.

Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus.
Wolfgang Krüger ist Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus.Foto: promo

Damit komme ich zu einem weiteren Aspekt: Es geht inzwischen nicht nur um die Braunkohlebranche und ihre Zulieferer, sondern um den Industriestandort Brandenburg, ja Deutschland als Ganzes. Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, dürfen die Energiekosten für die Unternehmen nicht weiter steigen. Wir spüren schon jetzt eine Investitionszurückhaltung, die in dem willkürlichen Kurs der deutschen Energiepolitik begründet ist.
Für alle Unternehmen, und das weit über die Kohlebranche hinaus, ist ein energiepolitisch klarer Kurs wichtig. Denn Investitionen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Die fehlen jedoch, stattdessen haben wir in Deutschland einen staatlich extrem überregulierten Energiemarkt – mit allen negativen Folgen, die staatliche überregulierte Märkte in der Regel nach sich ziehen.

Es wäre eine Katastrophe für die Lausitz, wenn infolge staatlicher Überregulierung und falscher ökonomischer Anreize nicht nur die Braunkohlebranche verschwindet, sondern der ganzen Region die Deindustrialisierung droht. Der Speckgürtel allein macht kein lebenswertes und leistungsfähiges Brandenburg.

Wolfgang Krüger ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus.

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