Berlin : Breakdance beim Botschafter

William und Sue Timken wollen muslimischen Jugendlichen Selbstbewusstsein vermitteln – und haben sie in ihre Villa eingeladen

Elisabeth Binder

Die Breakdancer wirbeln so wild und kraftvoll über den Boden, dass die Ornamente an den Weihnachtsbäumen rhythmisch mitklirren. US-Botschafter William R. Timken hat muslimische Jugendliche aus dem Wedding in seine weihnachtlich geschmückte Residenz nach Dahlem eingeladen. Alle haben sich schick gemacht, Kapuzenpullis und Cornrows genannte Minizöpfe signalisieren, dass sich in diesen ehrwürdigen Räumen nicht gerade das Stammpublikum trifft. Aber es gibt etwas zu feiern.

Ende Juni wurde das Musical „Streets of Wedding“ aufgeführt, das der amerikanische Künstler Todd Fletcher im Zusammenwirken mit den Schülern der Ernst-Schering-Oberschule geschrieben hat. Möglich wurde dieses Projekt durch das Engagement von William und Initiatorin Sue Timken. Der Erfolg überraschte alle. Unter anderem Bundespräsident Horst Köhler und Innenminister Wolfgang Schäuble waren zur Premiere gekommen. Die Zuschauer waren so begeistert, dass das Stück kommendes Frühjahr nicht nur in Berlin wieder aufgeführt werden soll, sondern auch auf Tournee geht, unter anderem nach Köln, Frankfurt und Hamburg.

Drei Musical-Lieder singen die Jugendlichen, nachdem sie die Zuckergussdekorationen ausgiebig bewundert haben, darunter ein bunter Miniaturjahrmarkt mit Hotdog-Stand, Schießbude und eine winzige Krippe zwischen Karussells. „Könnte dies meine Chance sein?“, heißt eines der Lieder. „Könnte dies meine Chance sein, der Welt zu zeigen, was ich kann, endlich der Welt zu zeigen, was ich nicht bin?“ Ein anderes, „As one“, handelt davon, sich einig zu sein, eins zu sein. Weil man dann nicht mehr gestoppt, nicht übertroffen werden kann. Und niemals fallen wird.

Draußen vor dem Fenster, erkennbar zwischen rot und weiß und blau leuchtenden Tannen, weht die amerikanische Flagge im Wind. Innen geht es streckenweise entsprechend pathetisch zu. Aber eben auch sehr pragmatisch. Die Schüler haben ein gläsernes, buntes Christbaumornament mitgebracht, die Lehrer einen echten Tannenbaum. Den schmücken die Teenager für ihre Gastgeber, während sie stimmgewaltig „Oh Christmas Tree“ singen.

Sue Timken ist bei ihrer Dankesrede („Wir werden diesen Baum an einem besonderen Platz draußen einpflanzen und jedes Jahr wieder besuchen“) so gerührt, dass der Botschafter ihr rasch eine Papierserviette besorgt und selber vorsichtshalber an einem Lebkuchenstück knabbert.

„Ihr hättet nie gedacht, dass ihr das schaffen könnt“, ruft er den Jugendlichen zu. „Jetzt wisst ihr, wie wichtig es ist, positiv in die Zukunft zu blicken.“

Der 17-jährigen Gören hat die Arbeit an dem Stück „unbeschreiblich viel Spaß“gemacht. Die 16-jährige Takhmina aus Pakistan lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Lächelnd zerrt sie den Botschafter für ein persönliches Erinnerungsfoto vor den größten der geschmückten Weihnachtsbäume. „Das Musical hat was rausgeholt aus uns“, sagt sie. „Es hat uns Selbstbewusstsein gegeben, vor so vielen Leuten auftreten zu können.“ Für die 19-jährige Derya mit der starken Stimme war es eine „klasse Erfahrung“. Vielleicht wird ja ein Beruf draus.

Viele der jungen Muslime feiern zu Hause auch Weihnachten – schon „wegen der Geschenke“. Die amerikanischen Weihnachtsbäume in der Residenz beeindrucken sie dennoch. „So was habe ich noch nie gesehen“, sagt der 14-jährige Mehmet. „Das ist super, einfach der Hammer.“ Für den 15-jährigen Renato aus Bosnien hat das Musical „alles verändert“. Sogar Amerikaner findet er jetzt „netter als früher“.

Zum Abschied schenkt ihnen der Botschafter eine DVD mit den Höhepunkten aus dem Musical und einem Dankschreiben. „Ihr sollt Euch ein Leben lang darüber freuen, was Ihr hier geschafft habt. Für uns seid Ihr Helden.“ William Timken hofft, dass dieses Beispiel Schule machen wird.

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