Berlin : Bremerförde statt Berlin

Als Informatiklehrer wird Uwe Meissner dringend gebraucht. Weil er trotzdem keine volle Stelle bekam, zieht er um nach Niedersachsen

Susanne Vieth-Entus

Uwe Meissner fühlte sich fast geschmeichelt. Als der Bildungssenator vor einigen Monaten eigens eine Pressekonferenz einberief, um auf den Nachwuchsmangel im Informatikbereich hinzuweisen. Als „Juwelen“, die Berlin unbedingt halten müsse, hatte Klaus Böger die wenigen Informatiklehrer, die jetzt auf den Markt kommen, bezeichnet. Bei der Schulverwaltung hat Meissner allerdings ganz andere Erfahrungen gesammelt. Deshalb zieht „das Juwel“ jetzt nach Bremerförde.

Erst machte sich Meissner keine Sorgen: Er hatte sein Referendariat in Informatik und Mathematik gerade mit „sehr gut“ bestanden. Dann aber erhielt der fünffache Vater monatelang keine verlässlichen Auskünfte, bekam selbst zu verabredeten Terminen niemanden ans Telefon – um dann kurz vor Torschluss eine Zweidrittelstelle angeboten zu bekommen. In Spandau, also zwei Stunden Fahrweg für den Lichterfelder inklusive.

Meissner ist kein Einzelfall. Wie berichtet, ist bereits rund ein Drittel der Junglehrer abgesprungen, weil andere Bundesländer ihnen volle Beamtenstellen zu guten Konditionen anbieten: Überall droht nämlich Lehrermangel. Meissner konnte zwischen dem Saarland und Niedersachsen wählen. Er entschied sich für Bremerförde, wo sogar noch ein schöner Aufschlag bezahlt wird.

In diesem Jahr kann Berlin diesen Verlust noch verschmerzen. Ab 2005 aber werden jährlich bis zu 1000 neue Lehrer gebraucht. Schon jetzt steht fest, dass es besonders schlimm um Meissners Fächer stehen wird. Bei der Schulverwaltung heißt es plötzlich, in seinem Fall sei ausnahmsweise doch eine volle Stelle möglich. Aber am Arbeitsplatz Spandau gebe es nichts zu rütteln.

Es ist ungewiss, ob Meissner jetzt noch auf das Angebot eingehen wird. Die Berliner Bürokratie durfte er bereits während seines Referendariats kennen lernen. Das konnte er in Berlin nicht machen, weil er kein Staatsexamen, sondern nur Diplom hatte. Brandenburg war großzügiger. Die Prodekanin für Informatik an der Freien Universität, Elfriede Fehr, kennt Meissner als „hoch begabten Wissenschaftler“, der „aus Überzeugung ins Lehramt gegangen ist“. Ihres Erachtens zeigt Meissners Fall klar, dass die Schulbehörde „keine Sensibilität dafür hat, was Berlin verloren geht“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben